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© 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko / VG Bildkunst, Bonn 2008

SCHWELLENLAND #1: »Leinwand als Tür«

»Wie man mit Mark Rothko das Kino erklären kann«

Unter dem Titel »Schwellenland« finden sich an dieser Stelle von nun an regelmäßig Betrachtungen, Gedanken und Essays zum Charakter der Kunst als Schwelle und damit im Spannungsfeld von Innen und Außen, Ursprung und Sein, Subjekt und Objekt. Hier sollen zeitgenössische und zeitlose Themen aus allen Medien der Künste Anlass geben, sich der Frage nach dem Kern künstlerischen Schaffens und seiner Rezeption jenseits von medien- und genrespezifischen Referenzrahmen zu stellen.

Text: Fabian Saul

Das zentrale Bild findet sich im Selbstportrait Rothkos aus dem Jahre 1936. Das figürliche, gar distanziert entrückte Sitzporträt eröffnet einen wesentlichen Abstraktionsmoment. Es sind die kalt-blauen Flecken, an der Stelle, wo gewöhnlich Augen in die Welt blicken. Diese großzügig ausgesparten Ovale lassen sich als Brillenrahmen lesen oder aber als blinde Flecken, als Analogie zum weisen Seher Theiresias, als Moment der Selbstentfremdung. Sie stehen im krassen Kontrast zur unspezifischen Figürlichkeit des Körpers.
Der Blick in die Welt wird dem Menschen dort versagt, wo sich die Schwelle zu ihr befindet, in den Augen. Die Folge ist eine Introvertierung, die das Äußere zu einer wabernden Hülle des in sich selbst eingeschlossenen Ichs degradiert. Doch es kann das Äußere nicht abschaffen, ebenso wenig seine Bezüglichkeit zu diesem, so dass sich der Blick, als einer auf der Schwelle zwischen Innen und Außen, aber doch nach innen gerichteter Blick manifestiert. Das Äußere bleibt im Rücken, es genügt ein Blick über die Schulter um es zumindest für einen Moment lang schemenhaft zu verorten, es bleibt ein Gefühl der stetigen Anwesenheit, wie ein Verfolger im toten Winkel, dessen Schuhe man auf dem Asphalt hört, aber den man nur erahnen kann. Seine tatsächliche Gestalt bleibt ungeklärt, bis zum Moment, da er uns von hinten niederstreckt und es im Moment des Todes zur Verschmelzung zwischen Peiniger und Gepeinigten, zwischen Innen und Außen, kommt.
Rothkos künstlerische Entwicklung nimmt 1936 hier ihren Ausgangspunkt und lässt sich fortan als eine Reduktion des Äußeren, eine Reduktion der Figürlichkeit von Körpern und als eine Manifestierung dieser introvertierten Position an der Schwelle zum Äußeren lesen.

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©1999 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko / Artists Rights Society (ARS), New York

Es entspricht in weiten Zügen einer Wandlung der Wahrnehmung vom Körper-Haben zum Leib-Sein, der Wandlung vom eigenen Körper als Teil eines dreidimensionales Figurenkabinetts zum Leib, den das Äußere als unabdingbare Hülle beengt oder weitet.
Am Ende dieses Prozesses stehen bei Rothko Bilder, dessen Schwellencharakter sich nur in der Konstellation von Betrachter-Leinwand-Welt erfahren lässt, nämlich, indem man vor diesen Bilder steht. Eine bloße Abbildung vermag dies nicht zu leisten, bei kaum einem anderen Künstler ist das Format (mit Höhen von bis zu 3 Metern) von solch großer Bedeutung, wie bei Rothko.

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Mark Rothko, Installation View, Photo © Brian Forrest.

Rothko macht Kino.
Es ist das Triplet von Außen, introvertiertem Subjekt und Blick, die die Koordinaten von Kino bilden, noch bevor und währenddessen narrative Inhalte auf die Leinwand projeziert werden.
Dass die zweidimensionale Leinwand Tür zu einer anderen Welt ist, die wir indem wir auf die offenbarten dreidimensionalen Imitationen blicken tatsächlich betreten können ist die Verheißung des Kinos, ist die Verheißung Rothkos.
Die Sehnsucht nach dieser Verlagerung unseres eigenen Bewusstseins bringt uns dazu, uns auf diese Inszenierung einzulassen, bringt uns dazu einen dunklen Raum zu betreten, in dem unsere Welt und Wirklichkeit im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Beginns des Films und dem langsamen Ausgehen der Lampen im Kinosaal ausgeblendet wird.
Haben wir uns einmal darauf eingelassen, ist alles weitere eine Frage des Eintreten-Könnens oder eben des Draußen-Bleibens.
Rothkos großformatige Farbfelder ermöglichen den Eintritt in eine andere Wirklichkeit, aus der Leinwand wird eine dreidimensionale Welt in der Tiefe der Farben aufgespannt. Ob wir tatsächlich eintreten können entscheidet unser Maß an Konzentration und Verlangen, aber auch Vertrauen, da das Vergessen und Vernachlässigen, das Lösen aus der unseren Welt zur Notwendigkeit wird. Es ist das selbe Vertrauen, wie wir es aufbringen, wenn wir den Kinosaal betreten und uns auf die absolute Dunkelheit und Abschottung gegen alles Äußere einlassen.

Rothko vereinbart mit seinem Betrachter, dass er im Stande sein wird, sein Dasein befristet in eine andere Welt zu übertragen. Über den Ablauf dieser Frist aber entscheidet der Betrachter selbst, in dem Moment, da er seinen Blick abwendet, und sich die andere Welt als bloße Projektion entpuppt. Das Bewusstsein darüber, dass jene Tür stets doch immer Leinwand bleibt, ist somit Teil der Vereinbarung und bereitet den Nährboden für den bittersüßen Moment, wenn der Film endet, das Licht wieder angeht, wir vor den Bildern stehend von den Geräuschen der Umwelt aufgeschreckt werden und uns unseres Standorts bewusst zum nächsten Bild traben.

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Copyright © Christopher Rothko and Kate Rothko Prizel

:: »Mark Rothko. Die Retrospektive«, noch bis zum 24.08.2008 in der Hamburger Kunsthalle.
:: Hamburger Kunsthalle



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