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Artikel

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Aktfraktale in Licht und Wasser

Michael Dweck fängt mit seinen Aktfotografien den Mythos der Meerjungfrauen in abstrahierter Genauigkeit ein

Text: Jens Pacholsky Foto: Michael Dweck

Ihr Gesicht taucht unter Oberfläche. Nur ein hauch eines geschwungenen Rückens und Pos sind auszumachen. Darüber fließt braunes Haar in Wellen, zerbricht in fluiden Turbulenzen zum geschmeidigen Blitzeis eines Wasserfalls – eine Verfestigung inmitten der Bewegung. Es ist Sommer in Miami und Amagansett. Die Körperpartien zersplittern in der Lichtbrechung des Wassers. Die stoßende Hand verzerrt sich unter zarten Oberflächenkrümmungen. Luftblasen rauschen wie glasklare Quallen. An anderer Stelle führt die Meerjungfrau ein entzücktes Ballett, schwebt schwerelos in einem von Strahlen und Bläschen durchsetztes Vakuum.
Die Erotik der Meerjungfrauen war schon immer die Leichtigkeit ihrer Bewegungen – das Umschmeicheln der Verführung. Und die süße Fantasie ihrer Ungefährheit und Entrücktheit. Die kindische Sehnsucht danach, sie inmitten der kleinen Wellen und Wasserspiegelungen plötzlich aus dem undurchdringlichen Nass empor tauchen zu sehen. Um mit ihnen in ein utopisches Reich zu entschwinden.

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Echte Fantasiegebilde
Dem amerikanischen Fotografen Michael Dweck erging es so in seiner Jugendzeit in Montauk, Long Island. Deren verblassende eigenwillige Surferszene hatte er bereits in dem erfolgreichen Fotoband »The End: Montauk, N.Y.« verewigt und erhielt damit 2004 im New Yorker Sotheby’s als erster lebender Fotograf die Ehre einer Ausstellung. Sein Debüt war mit einer Auflage von 5.000 Exemplaren binnen zwei Wochen ausverkauft.
Wie schon bei »The End: Montauk, N.Y.« ging der aus der Mode- und Marketingfotografie kommende und somit mit Überstilisierung vertraute Dweck für seine Fantasierealisierung der »Mermaids« ganz einfach vor. Er ließ Freundinnen in seinem Long-Island-Pool tauchen. Alles was er brauchte war der richtige Moment, den Bruchteil einer Sekunde. Saisonbedingt verschlug es ihn später nach Miami und dem Weeki Wachee Spring. Dort fand er das perfekte Setting für eine wunderschöne Meerjungfrauengeschichte. Ein mit einer Glaswand versehenes, aquariumgleiches Flussbett, in dem junge Damen des Tags in »Mermaid Shows« tauchten. Geschmeidig in Bikinis durch das klare, blau-grüne Wasser ziehen. Des Nachts traf Michael Dweck die Meerjungfrauen gottgeboren wieder und ließ seine Kinderfantasie im Wechselspiel der Medien Licht, Wasser und Körper Form annehmen.

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Sexualität des Lichts
Die Meerjungfrauenvision des mehrfachen Preisträgers (rund 40 Awards, u.a. den Golden Lion des Cannes International Festivals) fasziniert in seiner Abstrahierung, die zugleich erstaunlich nahe die konkrete Natürlichkeit dieser Erotik einfängt. Selten lassen die Bilder den Körper der Frauen in seiner realen, klaren Figur erkennen. Es scheint, als würde Dweck die Körper immer wieder als reines Kontrastmittel nutzen, um die eigentlichen Sujets – Licht und Wasser – herauszustellen. Die Vielschichtigkeit der Lichtbrechungen und Reflektionen bestimmen Dwecks Erotik. Manches Mal liegt der Fokus auf einer winzigen Luftblase inmitten der Dunkelheit, während der fliegende, nackte Körper im Hintergrund verschwimmt.

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Dekonstruktion zur Natürlichkeit
Genau dadurch kreiert er die Mystik, den Hauch des Traumhaften, die die Anziehung der Sagengestalten seit Jahrhunderten mit sich führte. Zugleich bleibt bei aller Abstrahierung die vage Gewissheit, dass die Bilder nie mit anderen Figuren hätten verwirklicht werden können. Die meisten Modelle kamen aus der Fischergegend des Weeki Wachee Spring und haben wahrscheinlich die Hälfte ihres Lebens im Wasser verbracht. Sechs Minuten zu tauchen gehört bei ihnen zum Alltag. Das Verschwinden, das Einswerden der Frauen mit ihrem Element macht genau die Traumhaftigkeit, die wahre Widerspiegelung der Meerjungfrauenfantasie echt. Michael Dweck ist mit seinem Fotoprojekt eine Abstrahierung der Aktfotografie gelungen, an deren Umsetzung die meisten Fotografen der letzten Jahre steifbeinig geworden sind – oder (wie z.B. bei Andreas H. Bitesnich) in einer skulpturenhaften (der Erotik entleerten) Entmenschlichung gelandet. Denn trotz der Dekonstruktion des Aktes bleibt Dweck dem Klassiker Helmut Newton sehr nahe. Inmitten seiner Fraktalerotik findet sich die vollkommene Natürlichkeit der Anziehung wieder. Der perfekte Schattentraum des Unvorstellbaren.

Das goon magazin präsentiert die einzige Deutschlandausstellung von Michael Dweck. Vom 19. September bis 10. November 2008 in der Robert Morat Galerie, Kleine Reichenstr. 1, Hamburg. Am 18.09. findet die Vernissage statt. Näheres zur Ausstellung und eine Verlosung von zwei Michael Dweck Büchern gibt es Anfang September.

:: »Mermaids« von Michael Dweck, mit einem Vorwort von Christopher Sweet, erscheint am 01.10.2008 bei Ditch Plains Press in einer Auflage von 2.000 Stück, New York 2008, HC 160 S., 101 Fotos, $ 75
:: Die Vorab-Edition ist am 19.06.2008 erschienen.
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