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Wer hat Angst vor Michael Haneke…?

Ein umfassender Dialog über das Schaffen des österreichischen Regisseurs und Drehbuchautors

Text: Cornelis Hähnel

Michael Haneke wird häufig für die Rolle des großen Moralisten im europäischen Autorenkino bemüht, seine Filme gelten ob ihrer emotionalen Intensität als schwer erträglich. Dabei liegt das weniger an deren Thematik, als vielmehr an der spezifischen kinematographischen Handschrift Hanekes. Der österreichische Regisseur und Drehbuchautor sieht seine Filme als eine Gegenbewegung zum konventionellen Kino, eine Kritik an der medialen Zerstreuungsideologie. Mit seiner präzisen, fragmentarischen Narrationsästhetik versucht er, eine Dialogfähigkeit des Kunstprodukts mit dem Zuschauer herzustellen, um diesen zur »Selbständigkeit zu vergewaltigen«. Die Weigerung, psychologisierend zu erzählen, das Meiden eindeutiger Interpretationsansätze und das bewusste Aufzeigen von Leerstellen in den Biographien seiner Figuren fordern eine Positionierung des Konsumenten. Dieser Ansatz hat ihm häufig den Vorwurf eingebracht, von Zynismus, Arroganz und Pessimismus geprägte Filme zu schaffen. Wie sehr er Kritik und Publikum spaltet, zeigte sich vor kurzem bei seinem US-Remake seines ersten großen Erfolges »Funny Games«. Knapp elf Jahre nach der ersten Vorführung des Originals in Cannes, welche eine akustische Saalschlacht zwischen Befürwortern und Gegnern hervorgerufen haben soll, scheint das Erregungspotential des Filmes noch immer nicht gemindert zu sein: Die New York Times nannte den Film gar einen »bösartigen Angriff auf unschuldige Zuschauer« und wahrscheinlich zeigt die erneute Kontroverse um »Funny Games«, dass Hanekes Kritik an Gewaltdarstellung und –konsum im zeitgenössischen Kino noch lange nicht obsolet ist.
Die Beweggründe für amerikanische Neuauflage waren dabei weder geprägt vom Wunsch nach transatlantischem Ruhm noch finanziellem Interesse, sondern ganz simpel: Haneke wollte ein spezielles Publikum erreichen, die Gewaltkonsumenten. Von daher war der Schritt, direkt im Epizentrum der Action- und Thrillerproduktion – also in Hollywood – zu drehen und danach große Cineplexe zu bespielen, zwingend. Denn die US-Aversion gegen synchronisierte oder untertitelte Werke konnte nur so umgangen werden. Eine in ihrer Einfachheit bestechend logische Erklärung.
Der Alexander Verlag Berlin hat jetzt Gespräche von Michael Haneke mit Thomas Assheuer veröffentlicht. Entstanden ist ein umfassender Dialog über das Schaffen Hanekes, welcher mitunter, bedingt durch den Plural, Kausalitäten vermissen lässt. Dies ist aber nicht weiter störend, denn Michael Haneke überzeugt mit seiner Eloquenz, klaren und reflektierten Positionen und bereitwilliger Offenheit. Spätestens nach der Lektüre dieses Buches sollten sämtliche Vorwürfe der Misanthropie und der Arroganz ausgeräumt sein. Abgerundet wird die Nahaufnahme mit zwei Essays des Österreichers: einer Liebeserklärung an »Au hasard Balthazar«, einen Film seines favorisierten Regisseurs Robert Bresson und einem Vortrag über Gewalt und Medien. Ein erhellender Einblick in das Oeuvre Hanekes, sowohl Liebhabern als auch Skeptikern ans Herz gelegt.

:: Nahaufnahme Michael Haneke. Gespräche mit Thomas Aussheuer. Alexander Verlag, Berlin 2008, 177 S., € 12,90



Kommentare

  1. Nic / 21.08.2008 / 13:11

    Danke für den Buch-Tipp. Haneke ist ein ganz Großer seines Faches.

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