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Eine graue Maus wird bunt

»Hannover goes fashion«: Aus verschiedensten Blickwinkeln beleuchten zehn Ausstellungen noch bis zum Winter das Feld der Mode.

Text: Sebastian Reus Foto: Kunstverein Hannover

Der Herr trägt dank eines Korsetts eine veritable Wespentaille, eine Schlaghose mit Rüschensaum, Schulterpolster, die sich hornartig verjüngen, ein Hemd mit regenbogenfarbenen Knöpfen sowie einen spitzen Zylinder. Dagegen fällt der Putz seiner Begleiterin, der im wesentlichen aus drapierten Tüchern und Bändern besteht, beinahe ab. Zu sehen ist das Berliner Pärchen in einer Karikatur Franz Burchard Dörbecks mit dem Titel »Sommer Mode für 1831« im Wilhelm-Busch-Museum Hannover. Das Exponat ist Teil des Projekts »Hannover goes fashion«, das diesen Herbst an zehn Ausstellungsorten in Hannover veranstaltet wird. Unter den Karikaturen und Modezeichnungen vom Ancien Regime bis zur Gegenwart, die das Wilhelm-Busch-Museum beiträgt, bildet die Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert das spannendste Kapitel. Männer, Incroyables und Dandies, nutzen nicht nur das Korsett, sondern staffieren ihren Körper auch an verschiedenen Stellen und vor allem der Brust mit Polstern aus. Anschließend fallen sie in der Opernloge in Ohnmacht. Frauen entdecken »die unanständigste Mode Londons«, schwingen sich auf die hölzernen Vorläufer des Fahrrads und erobern so die männliche Domäne des Sports. Die irritierten Zeitgenossen und Karikaturisten finden das entweder anziehend, lächerlich oder lästerlich.

Bereits im Vorfeld mit einigem medialen Echo bedacht, zeigt die kestnergesellschaft unter dem Titel »Alles gleich schwer« die erste museale Einzelausstellung Helmut Langs als bildender Künstler. Seine schlichten Modeentwürfe setzen sich in einem Ansatz von minimal art und arte povera fort. Wie ein Tor zwischen der eigenen Vergangenheit als Designer und der Zukunft als Künstler mutet »séance de travail« an, das eröffnende Werk dieser Ausstellung. Auf eine verspiegelte Wand werden die gespensterhaften Aufnahmen von defilierenden Models projiziert. Flankiert wird dieser Auftakt von ehemaligen Ausstattungsstücken aus Langs New Yorker Atelier: zunächst von einer großen, angeditschten Diskokugel und im nächsten Raum dann von drei hölzernen Adlerskulpturen. Diese sind inzwischen mit Teer übergossen, anschließend wurden dann ihre Köpfe abgesägt, so dass die Schnittstellen die Jahresringe des Holzes sichtbar werden lassen. Aus Langs eigener Geschichte losgelöst scheint erst die raumfüllende Installation »arbor«, ein in fragwürdiger Schräglage fragil aufgebockter Maibaum aus PVC-Rohren, geschmückt mit verrosteten Metallkränzen und schwarzen Schleifen. Wirkt das Ganze wie aus Teilen von Treibgut zusammengesetzt, so bleibt der etwas bemühte theoretische Überbau von Erdung und Fruchtbarkeitskulten, den das Beiwerk zur Ausstellung anbietet, eher willkürlich.

Eine Sammelausstellung zum Thema »DRESSing the MESSAGE – Transformationen von Kunst und Mode« präsentiert das Sprengel Museum Hannover. Dabei können Thomas Grünfelds Kleiderpuppen, an denen sich Buckel wie krebsartige Geschwülste bilden, mit dem Titel »Déformation professionelle« das Schlagwort zu liefern, das einige der ausgestellten Werke (u. a. von Cosima von Bonin, Andreas Gursky, Olaf Nicolai) verbindet. Andere Werke geben sich dezidiert politisch, jedoch mit schwankendem Erfolg. Daniele Buettis Installation »Looking for love« zeigt groß- und kleinformatige retuschierte Fotografien aus Lifestyle- und Modemagazinen, auf denen die Körper und Gesichter der Models mit Labelnamen und Logos tätowiert und vernarbt, »branded« zu sein scheinen. Aber verunstalten die Labels eine vermeintlich essentielle Schönheit, die ausgerechnet von den Models repräsentiert werden soll, während sowohl diese als auch das Versprechen der Marken doch gerade ist, Schönheit ohne Essenz ermöglichen zu können? Eine gewisse Plattheit der Kritik wird durch Serialität nicht unbedingt besser. In seiner Schlichtheit packend dagegen der Beitrag von Elke Marhöfer und Barbara Frieß: »mach dich weg und denke wir« zeigt einen schlichten Haufen von 600 schwarzen Motorradhauben, die den Titel des Werks eingestickt tragen.

:: Historisches Museum Hannover:
»Körperformen – Mode Macht Erotik«, noch bis 01.02.2009
:: Landesmuseum Hannover:
»Begehrte Männer – Dresscodes, die die Welt bedeuten«, noch bis 30.11.2008
:: kestnergesellschaft:
»Helmut Lang – Alles gleich schwer«, noch bis 02.11.2008
:: Architektenkammer Niedersachsen:
»Mode Linie Architektur – Mode- und Architekturfotografie«, noch bis 14.11.2008
:: Kunstverein Hannover:
»Leigh Bowery«, noch bis 26.10.2008
:: Museum August Kestner:
»Neue Kleider?«, noch bis 11.01.2009
:: Museum für Energiegeschichte(n):
»Ganz Dame und doch Hausfrau – Mode in der Werbung für Staubsauger, Radio & Co.«, noch bis 28.02.2009
:: Sprengel Museum Hannover:
»DRESSing the MESSAGE. Transformationen von Kunst und Mode«, noch bis 23.11.2008
:: Theatermuseum Hannover:
»Filmkostüme! Das Unternehmen Theaterkunst«, noch bis 07.12.2008
:: Wilhelm-Busch-Museum Hannover:
»Schick und schrill. Modekarikaturen und Modezeichnungen aus drei Jahrhunderten«, noch bis 11.01.2009

:: »Hannover goes fashion«



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