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Die Dekadenz auf den Hirnlappen tätowiert

Frank Millers und Geof Darrow Comic »Hard Boiled« vereint Mensch und Maschine zu einer absurden Abstraktion des Daseins

Text: Jens Pacholsky

Nixon hat es hart im Leben erwischt. Er ist Steuereintreiber, der sich mit gepanzerten Steuerhinterziehern einlassen und bis auf den letzten Tropfen Blut die Gelder eintreiben muss. Mit der Tilgung der Schulden geht grundsätzlich auch die Tilgung des Steuerhinterziehers einher. Was viel schlimmer ist: Nixon glaubt, er ist Steuerhinterzieher. Und alle tun ihr bestes, dass dies so bleibt. Bis eines Tages eine dicke, hässliche Frau (die typische Mittlerer-Westen-Amerikanerin könnte man sagen) auftaucht und etwas von Befreiung erzählt.

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Unwissenheit der Cyborgs
Mit seinem 1990 entstandenen Clou begibt sich Frank Miller in die gute alte Geschichte des Simulacrums und Bladerunners von Philip K. Dick wie auch Isaac Asimovs »Roboter-Serie«. Beide Welten, des vom Menschsein und seiner Identität überzeugten Roboters und der sich vom Menschen emanzipierenden Roboter, prallen aufeinander. Letztere benötigen ersteren für die Befreiung. Ersterer versteht überhaupt nicht, worum es hier geht. Zugegeben, die Geschichte als Ganzes, die Frank Miller zusammen mit Geof Darrow entwirft, kommt bei weitem nicht an die Komplexität und Tiefe der Vorbilder heran und könnte im reinen Wort gut und gerne auf einer halben Seiten erzählt werden. Dass sich das Massaker, das sich aus dem dünnen Erzählfaden ergibt, dann doch auf über einhundert Seiten ausweitet, ist allein der Bildgewalt zu verdanken, die, wie so oft bei Miller, Vorrang hat. Wenig Worte, mehr Visualisierung. Alles explodiert auf ausufernden detailierten Panels, die eine Welt zeigen, in der Mensch und Maschine eine Einheit bilden. Jedoch nur in dem Sinne, dass keine Maschine Menschen braucht, aber Menschen Maschinen. Das letzte Ende der Nahrungskette ist denn auch ein verfetteter, bewegungs- und sprachunfähig Fleischklumpen von Mensch, der sich die Eier von mechatronischen Mehrjungfrauen putzen lässt. Genau in dieser Bildersprache findet sich die Stärke des Comics.

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Ausschnitt aus »Hard Boiled«-Panel

Überbordende Welt
Neben der titelgebenen Gewalttätigkeit (Hard Boilded beschreibt das in den 1920er Jahren entstandene literarische Detektivgeschichten-Genre mit sehr expliziter Gewaltdarstellung) ist »Hard Boiled« vor allem ein Kommentar auf die immer bequemer und zugleich unmenschlicher werdende Gesellschaft, in der Konsum und Vereinfachung als höchstes Gut gilt. In allen Ecken finden sich in den Panels Werbereferenzen. Pepsidosen auf Autodächern - 1990, als die Comicserie, die nun erstmals als Gesamtband in Deutsch erscheint, bei Dark Horse herauskam, dürfte es wie ein bitter-sarkastisches Omen gewirkt haben, was heute längst in der Realität angekommen ist. Milky Way und Snickers-Verpackungen als Ohrringe. Millers und Darrows Szenerie ist eine apokalyptische Absurdität der Dekadenz, in der Hedonismus Staatsreligion ist. Ein »Satyricon« der Jetztzeit, das ihrem Ende zurauscht und dabei feiert. Und in dem es trotz der extremen Vertechnisierung noch immer verdammte quietschende Rollbetträder gibt.
Darrow erschafft dabei eine unheimich detailverliebtes Zeichensprache, die an sich bereits vor Dekadenz protzt. Es wirkt, als hätte er die Roboterkinetik im Hinterkopf gehabt, der es seit jeher auch darum geht, das Zusammenspiel der einzelnen mechanischen Elemente einer Maschine möglichst ästhetisch und geschmeidig wirken zu lassen. So dass alles perfekt ineinander greift. Gleichzeitig verewigt der 1955 geborene Zeichner, der bereits mit dem Comicgenie Moebius zusammenarbeitete, einen obskuren Retro-Science-Fiction-Stil der 1950er Jahre. Bei Darrow fügen sich all diese Teilchen in den Panels zusammen zu einem großen verwirrenden Puzzlespiel der illustrativen Materieteilchen. Auf eine Verfilmung des Comics, die längst in Planung ist, würden wir an dieser Stelle trotz des hohen Visualisierungsgrades dennoch gerne verzichten wollen. Zumindest sollte ein Kurzfilm ausreichen, falls Miller nicht drum herum kommt.

:: »Hard Boiled« von Frank Miller und Geof Darrow erscheint bei Cross Cult, Asperg 2009, HC, farbig, 128 Seiten, € 24,-
:: Hard Boiled mit Leseprobe



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