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Groschenhefte und Grabsteine
Das Kriminalmeisterwerk »From Hell« von Alan Moore und Eddie Campbell ist eine teuflische Autopsie unserer selbst
Text: Jens Pacholsky
Es gibt im europäischen Raum der Moderne wenige Grausamkeiten, die wie die Geschichte von Jack The Ripper noch immer für unzählige Spekulationen, Verschwörungstheorien und Erstaunen sorgen. Eigentlich gibt es zu den Mordfällen, die im Jahre 1888 fünf Prostituierten im Londonder Stadtteil Whitechapel das Leben kosteten, nur die Gewissheit der Morde. Der Rest der Erzählung sind fiktive Gedankenspiele, Stille-Post-Verzerrungen über mehr als ein Jahrhundert, Sündenböcke und Medienkonstruktionen. Alan Moore, bekannt für seine Meisterwerke »Watchmen« und »Lost Girls«, und Eddie Campbell, Zeichner von Comics wie »The Birth Caul« (ebenfalls mit Alan Moore) und »Alec: The King Canute Crowd«, stellen sich mitten in dieses Chaos der Spekulationen. Sie nutzen die medialen Finten, kritisieren und offenbaren sie eiskalt und sind zugleich fester Bestandteil dieser Fiktionalisierung, die die unglaubliche, unheimliche Mordserie längst zu einer Entertainment-Orgie gemacht haben. Alan Moore tappt nicht weniger im Dunkeln als sein Protagonist Inspektor Abberline, der – ganz im Gegensatz zur Verfilmung mit Johnny Depp im Jahre 2001 – nicht der scharfsinnige, Absynth genießende, drahtige Ermittler ist, der auf Teufel komm raus der Wahrheit hinterher läuft. (Johnny Depp hätte eigentlich rein äußerlich eher den kurz auftretenden Dichter William Butler Yeats verkörpern können.)
Alan Moore geht es, wie er im zweiten Anhang – einem Abriss der Spekulationen um Jack The Ripper über die letzten knapp einhundert Jahre – erklärt, auch gar nicht um den Fall an sich. »In Wahrheit ging es nie um die Morde, den Killer oder seine Opfer. Es ging um uns. Unsere Denkweisen und wie sie tanzen.«

Visionen und Illusionen
Für den 1952 in England geborenen Autor ist dieser Zeitraum der Morde, die 1880er Jahre, Basis des 20. Jahrhunderts. In dieser Dekade wurde die Grundlage für die technologische Explosion, den Vietnamkrieg, das Dritte Reich (Hitler wurde 1888 gezeugt, mehrere antisemitische Schriften erschienen europaweit), die Atombombe, die kulturelle und künstlerische Entwicklung der Moderne gelegt. Nicht zuletzt geht es eben um uns inmitten einer neu aufkommenden Medialisierung der Welt. Zeitungen, die der Auflage wegen Geschichten verschärfen oder erfinden, clevere Geschäftsmänner, die noch aus jeder Grausamkeit ein Souvenir machen können. Und wir, die dies alles nur zu gerne konsumieren, Illusionen der Wahrheit vorziehen, unvorstellbare Greueltaten zur Komödie umfunktionieren oder schlicht resignieren und dicht machen. Jack The Ripper, der bei Moore und Campbell durch den historisch belegten, königlichen Leibarzt Doktor William Withey Gull verkörpert wird, ist eine Ausgeburt seiner Zeit, Vorbote und Plagiat. Es ist unser eigener Abgrund, den sie zu Tage fördern.

Dunkelste historische Fiktion
Wie sich im ersten Anhang herausstellt, haben Autor Moore und Zeichner Campbell sich dabei nicht nur vom eigenen Gutdünken leiten lassen. Moore erklärt auf diesen 56 Seiten ausführlich, welche Quellen er zu Rate zog, welche umfassenden Recherchen er vornahm und woher sich seine Theorien zu den Freimaurern, den Dionysiern, der Architektur Nicholas Hawksmoors und Jack The Rippers Identität ergeben. Immer wieder finden sich auch Querverweise und Zitate von den Poeten Oscar Wilde und W.B. Yeats, dem Mathematiker Charles H. Hinton, dem Autor Guillaume Apollinaire und Maler Walter R. Sickert, die teilweise auch in Moores Opus Magnum »Lost Girls« wieder auftreten. Queen Victoria erscheint in »From Hell« ausschließlich in der Pose, wie sie zu ihrem Thronjubiläum 1887 verewigt wurde. Man kann Moore ein echtes historisches Interesse an dieser Geschichte sehr wohl nachsagen. Einen wichtigen Einfluss auf die Wirkung von »From Hell« hat natürlich Eddie Campbell. Seine Visualisierungen sind mal messerscharf, dann wieder unbeständig und verwischt – ganz dem Londonder Smog, Nebel, Dreck und Regen entsprechend, der die Menschen in Campbells Schwarz-Weiß-Albtraum zu Schatten ihrer selbst machen. Whitechapel, in dem die Geschichte spielt, ist nicht als High Society Bezirk in London bekannt. Die Armut war gerade um die Jahrhundertwende verheerend. Whitechapel war selbst eine Schattenwelt. Dies visualisiert Campbell in pedantisch perfektem Stil. Die Nacht war nie dunkler, die Architektur des Molochs London nie bedrückender. Oder wie es Sir William W. Gull erklärt: »Ich sage Dir, wo wir sind. Wir befinden uns in der äußersten und entferntesten Region des menschlichen Geistes, einer trüben, unbewussten Unterwelt. Einem leuchtenden Abgrund, wo der Mensch sich selbst begegnet… Die Hölle.«
:: »From Hell« von Alan Moore und Eddie Campbell ist bei Cross Cult erschienen, Asperg 2008, s/w, HC, 604 S., € 49,80
:: Leseprobe bei Cross Cult
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