bilder

Ed Brubaker & Sean Phillips »Sleeper: Die Gretchenfrage«

EdBrubaker_Sleeper3-Cover

Die vorletzte Runde des komplexen Agententhrillers zieht die Schnüre zu.



bilder

David Brin & Scott Hampton

»The Life Eaters«

DavidBrin_TheLifeEaters_Cover

Die alternative Entwicklung des 3. Reichs als wahrer und aktueller Albtraum



bilder

Eric Powell

»The Goon 3: Meine mörderische Kindheit«

TheGoon#3_cover

Unser Maskottchen mit der Schlägervisage plaudert über seine vermaledeite Kindheit

Artikel

duennemaedchen_01.jpg

Das bin nicht ich

Mit dem Dokumentarfilm »Die dünnen Mädchen« versucht Maria Teresa Camoglio in Bildern einer Krankheit auf die Spur zu kommen, die sich meist der sprachlichen Beschreibbarkeit und Logik entzieht.

Der Film ist im Rahmen des ueberMacht-Festivals ab 15.01.2009 in ausgewählten Städten und Kinos zu sehen.

Text: Thomas Kößler Foto: B-Film

Der Film beginnt mit einer Tanzstunde. Eine sehr weibliche Dame in den besten Jahren tanzt Flamenco, stampft mit dem Fuß, signalisiert mit dem ganzen Körper: »Hier bin ich«.
»Die dünnen Mädchen« haben ihr zugeschaut und wiederholen nun die Bewegungen. Sie heben ihre knöchernen Arme, stampfen mit dem Fuß und signalisieren mit dem ganzen Körper: »Das bin nicht ich«.

Magersucht, Anorexia nervosa, ist eine Krankheit, die von Außenstehenden nur schwer nachvollzogen werden kann. Das Krankheitsbild besteht auf den ersten Blick vor allem darin, dass der Patient nichts mehr essen will. Er wird dünner und dünner und bestätigt sein Selbst durch die Kontrolle, die er über den Körper ausübt. Ein Körper, der losgelöst vom eigenen Ich erscheint.

Der Dokumentarfilm »Die dünnen Mädchen« portraitiert die Patientinnen einer Therapieanstalt für Magersüchtige. Es handelt sich ausschließlich um Teenagerinnen und Frauen in den Zwanzigern. Die Kamera kommt ihnen nahe, nimmt sich Zeit, begleitet sie in ihrem Alltag. Sie beschränkt sich dabei gänzlich auf das Befinden der Mädchen, die versuchen, aus der Krankheit herauszukommen. Über die Ursachen und die Entwicklung der Krankheit, das ursprüngliche soziale Umfeld der dünnen Mädchen, kann nur anhand ihrer subjektiven Aussagen gemutmaßt werden. Vielmehr wird man dazu aufgefordert, sich mit der Krankheit im Jetzt-Zustand auseinanderzusetzen, zu begreifen, wie sie das Denken gleich einem unsichtbaren Schraubstock umschließt. Daher gehören die Einzelinterviews auch zu den bewegendsten Momenten. Hier begegnen wir Menschen, die sich ihrer Krankheit völlig bewusst sind und frei über ihre Essstörung reflektieren können. Dabei merkt man den Mädchen ihre innere Zerrissenheit an, eben die Trennung des Körpers von der eigenen Gedankenwelt. Sie erzählen, wie schwer es ihnen fällt, sich selbst in ihrem Spiegelbild zu erkennen, »Ich wusste nicht, wer ich bin«.

Als Erweiterung der Therapie organisieren die Filmemacher die Flamenco-Tanzstunden und Diskussionen über ausgewählte Bilder Edvard Munchs, die den Mädchen helfen sollen, ihre Gefühle zu konkretisieren. Mit diesen sehr treffend gewählten Mitteln beweist die Regisseurin ihr Gespür für konstruktive Situationen.

Die Krankheit tritt als Chimäre in Erscheinung, nicht fassbar, unbeschreiblich und jenseits der Logik. Die Akzeptanz der Krankheit ist der erste Schritt eines langen Weges.
Die Worte und Beobachtungen der Mädchen sind so klar, dass man kaum glauben kann, dass sie sich immer noch im festen Griff der Anorexie befinden. Ein selbst gedrehter Videofilm, eine sarkastisch gemeinte Anleitung zur Magersucht, zeigt großes kreatives Potential und eine wunderbare Portion Galgenhumor. Wenig später streiten sich die gerade noch so aufgeklärten Mädchen bis zu den Tränen über die Möglichkeit eines Nudelsalates zum geplanten Essen, ein anderes Mädchen bekommt eine Angstattacke, weil sie 2 Kilo zugenommen hat.

Immer mehr zeichnet sich ab, um was es eigentlich geht: die Kontrolle über sich und das Leben. Schlankheitsideale spielen dabei oft nicht die primäre Rolle. Der eigene Körper ist schlichtweg das einzige Instrument, das vollends beherrscht werden kann. Die Bestätigung dieser Kontrolle findet sich in der Essensverweigerung. Hier kann gezeigt werden, dass man alles im Griff hat. Dieses Krankheitsbild offenbart sich erst nach dem zweiten Blick und zeigt, dass es nicht – so das häufige Vorurteil – nur um launige Teenager im Schlankheitswahn geht, die nichts essen weil sie nichts essen wollen, sondern um eine bedrohliche Krankheit. Eine Krankheit, nebenbei gesagt, die sehr wohl etwas über die Gesellschaft, in der wir leben aussagt. Denn die Magersucht wird als letzter Ausweg aus unüberwindbaren Problemsituationen beschrieben: »und dann eben nicht zur Mama, sondern zur Magersucht«.

:: »Die dünnen Mädchen« von Maria Teresa Camoglio, ab 15.01.2009 im Kino (B-Film)
:: »Über Macht«



Kommentare

  1. Gordon / 13.01.2009 / 16:01

    Ein fundierter, sehr gut geschriebener Artikel über ein nach wie vor medial und öffentlich tabuisiertes Thema: Ein Film, den man gesehen haben sollte.

  2. rike / 17.05.2009 / 23:36

    weiss jemand, welches gedicht im film zitiert wurde?
    ich finde es sehr gut, dass und wie das thema durch den film behandelt wird! TOP.

Kommentieren



. . .