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59. Internationale Filmfestspiele Berlin | 39. Forum
Sharon Lockhart »Lunch Break«
Kino als Transitraum: Sharon Lockhart durchfährt 83 Minuten mit der Kamera
Text: Fabian Saul Foto: Internationale Filmfestspiele Berlin
Maine, Stahlbaufabrik, Arbeiter in ihrer Mittagspause, 15, vielleicht 20 Minuten. Jede und jeder hat sein persönliches Ritual, schläft, isst, führt Gespräche, hört Radio. Ein undatiertes Versatzstück eines Arbeitsalltags, der Un-Fall im undurchdringlichen Stream der Kontinuität der Arbeit. Das Brummen der Maschinen kennt keine Pause. Eine Wand aus Hämmern, Ächzen und Pfeifen kontrastiert den doch viel zu kurzen Zwischenraum des Innehaltens, ein von der Zeit emanzipierter Transitraum: »Lunch Break«.
Sharon Lockhart lässt die Kamera in diesen 15 Minuten den langen, alten Gang der Fabrikhalle entlang fahren, ohne Schnitt, ohne zusätzliches Licht. Eine Schneise zwischen ohrenbetäubenden Maschinen und Leitungen, Schließfächern in kodachromer Blässe und personalisierten Truhen, Aufklebern und Nischen, in denen die Arbeiter ihre Auszeit individuell verbringen.
Für das Kino streckt Lockart diese 15 Minuten auf 83 und fügt die verschiedenen Geräusche des Ortes (kombiniert mit einer analogen Orgel) zu einer Soundcollage, die das Maschinenbrummen traumhaft unterfüttert mit Klängen und Geräuschen, die da auch noch hätten sein können.
Lockharts Machwerk, das im Kino sicherlich auch mit einem Moment des »Aushalten Könnens« beim Publikum spielt, legt das Kino als Transitraum offen. Ein Raum, der abgeschnitten ist von der Außenwelt, der in der Dunkelheit dem auf sich selbst zurückgeworfenen Subjekt vorführt, wie die Zeit vergeht. Wir durchfahren diesen Gang in stetiger extremer Slowmotion und schauen uns dabei selbst dabei zu, wie wir Zeit verbringen. Gleichzeitig erfüllt die Dehnung der einzelnen Gesten und Bewegungen die vermeintlich banalen ritualisierten Abläufe mit einer melancholischen Poesie und verlängert die Pause zu einer Chorepgrafie in Spielfilmlänge.
Eine Videoinstallation würde diese Bedeutungsebene vollkommen verfehlen und so meditiert Lockhart (die sonst vor allem im Umfeld der Bildenden Kunst und Photographie verortet ist), indem sie diese Präsentationsform wählt, gleichzeitig über das Kino als Raum. Sie wirft die Rolle des Protagonisten zurück auf den Zuschauer, stellt diesen unmittelbar in das Licht der Leinwand und setzt ihn dem Lärm der Maschinen aus, für lange 83 Minuten. So offenbart sich der Gang ins Kino zwar als Transit zwischen Kartenkauf und Abspann, doch ebenfalls als Erfahrungsraum. Denn wenn wir am Ende den Raum verlassen, wird sich etwas verändert haben, wird eine Erfahrung gemacht, wird Zeit vergangen sein.
:: »Lunch Break« von Sharon Lockhart, bis zum 15.2. auf den 59. Internationalen Filmfestspielen Berlin
:: Sharon Lockharts Arbeiten sind noch bis zum 7.3.2009 in der Galerie Neugerriemschneider in der Linienstraße 155 in Berlin zu sehen
:: 39. Forum
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