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59. Internationale Filmfestspiele Berlin | 30. Panorama

Michael Winterbottom, Mat Whitecross »The Shock Doctrine«

59. Internationale Filmfestspiele Berlin | 30. Forum

Richard Brouillette »L’Encerclement «

Michael Winterbottom, Mat Whitecross und Richard Brouillette nehmen den Neoliberalismus unter Beschuss und wecken dabei vor allem die Lust auf Bücher zum Thema.

Text: Gero Drake Foto: Internationale Filmfestspiele Berlin

Die Ideologie des Neoliberalismus wird zur Zeit von allen Seiten unter Feuer genommen, und auch mehrere Filme des Berlinale-Programms widmen sich dieser bestgehasste Weltanschauung der Stunde. »L’encerclement« von Richard Brouillette tut das mit der Haltung einer strengen, erbarmungslosen Lehrkraft, die, Spaß beiseite, den Schülern den Stoff über zweieinhalb Stunden einbimst, ohne Pause, bitteschön.
Unter Verzicht auf jegliches schmückende Beiwerk zieht eine Parade von Talking Heads kanadischer und US-amerikanischer Herkunft vorüber, die Ursprung, Ziel und Wirkung der Lehre vom Segen des unkontrollierten freien Marktes erklärt. Keinerlei Nachfragen stören den Redefluss der Experten, die einzelnen Interviewpassagen sind von ungewohnter Länge. Das Konzept ist so spröde, dass es, ähnlich wie bei Romuald Karmakars »Hamburger Lektionen«, fast schon unfilmisch ist. Die stilistisch zur Schau getragene Seriosität könnte allerdings auch eine ganz besonders clevere Form der Manipulation sein. Stutzig macht jedenfalls, dass Anhängern des neoliberalen Denkens nur am Anfang das Wort erteilt wird, sie im zweiten Teil dann aber nahezu verstummen.

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Auch Michael Winterbottom berichtet in »The Shock Doctrine« über die katastrophalen Folgen, die dem Primat der unregulierten Ökonomie geschuldet sind. Angelehnt an Naomi Kleins gleichnamiges Buch breitet er einen suggestiven Bilderreigen aus, der vom Chile der frühen 70er Jahre bis zum jüngsten Irakkrieg reicht. Auch Winterbottom will nicht wissen von der »schöpferischen Kraft der Zerstörung«, die Joseph A. Schumpeter dem Kapital zuschrieb, sondern berichtet von der zerstörerischen Kraft der Schöpfung Milton Friedmans, dem Protagonisten des Neoliberalismus. Dessen Think Tank lieferte dem politisch-militärisch-industriellen Komplex der westlichen Länder die nobelpreisgeadelten Ideen. Der radikale Wirtschaftsliberalismus ist laut Winterbottom/Klein nicht anderes als die interessenkompatible Ideologie, mit der die Industrienationen neokolonialistisch agieren können. Beide Filme vermitteln die gleiche Botschaft und wecken, aus ganz unterschiedlichen Gründen, das gleiche Bedürfnis: Bücher zum Thema zu lesen.

:: »The Shock Doctrine« von Michael Winterbottom und Mat Whitecross und »L’Encerclement« von Richard Brouillette, bis zum 15.02.2009 auf den Internationalen Filnfestspielen Berlin
:: »The Shock Doctrine«

:: »L’Encerclement«



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