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59. Internationale Filmfestspiele Berlin | 39. Forum
Fredrik Wenzel, Henrik Hellström
»Man tänker sitt« | »Burrowing«
»Man denkt sein Eigenes«: Die unerträgliche Grausamkeit der Nähe, des Alltags, der Einfamilienhaussiedlungen und des Seins
Text: Fabian Saul Foto: Internationale Filmfestspiele Berlin
Wenn die Kamera langsam durch die leeren Straßen der Einfamilienaussiedlung irgendwo an der schwedischen Westküste fährt, so tut sie es, als würde sie sich einem Tatort nähern. Als würde gleich jemand aus dem Gebüsch gesprungen ein unsägliches Blutbad anrichten, als würden wir Zeugen einer gleich aufkeimenden Gewalt werden. Die tatsächliche Anspannung und Grausamkeit in »Man tänker sitt« besteht jedoch darin, dass es nie zu solch einem Ausbruch kommt.
Die Menschen treibt es aus der Enge in die Wälder, Felder und Seen, die die Siedlung eingrenzen. Herausgetrieben aus der Unerträglichkeit der Nähe, der Stagnation, der Langeweile. Angetrieben von inneren Aggressionen und unausgesprochenen Frustrationen, von destruktiven Energien, die stetig in der Luft zu liegen scheinen. Doch es passiert nichts. Auch wenn ein von seiner Familie diffamierter junger Mann, der mit seinem Baby doch immer noch bei seinen Eltern lebt, den Nachbarn mit einem Paddel niederschlägt, führt dies doch nur das Ausmaß der eigentlich zu erwartenden Katastrophe ad absurdum.

Die Figuren des Films werden eingeführt und begleitet aus der Sicht eines Jungen, der die Felder und Gärten durchstreift und der in einem einfachen, naiven und poetischem Ton die Schwere der Atmosphäre treffend in Worte fasst. Dank der beeindruckenden Kameraarbeit und dem Reichtum an vieldeutigen Bildern, zeigt »Man tänker sitt«, was übersetzt so viel bedeutet wie »Man denkt sein Eigenes«, eine bedrückende Metaebene der doch eigentlich musterhaften Siedlung auf.
Die Regisseure Wenzel und Hellström sind für diesen Film zurückgekehrt in ihren Heimatort, haben in den Häusern ihrer Kindheit gedreht und lassen - mit einer Ausnahme - ausschließlich Bewohner des Ortes, allesamt Laiendarsteller, spielen. Die Grenze zwischen inszenierter Figur und realer Person verschwimmt dabei zu einer erschreckend authentischen Darstellung. Mitsamt seiner großartigen Musik gelingt es dem Film Bilder für die unbeschreibliche Erbarmungslosigkeit des Seins zu schaffen. Diese Einfamilienhaussiedlung irgendwo an der schwedischen Westküste könnte überall sein.
:: »Man tänker sitt« von Frederik Wenzel und Henrik Hellström, bis zum 15.02.2009 auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin
:: 39. Forum
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