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Artikel

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59. Internationale Filmfestspiele Berlin

Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer, Hans Weingartner

»Deutschland 09 - 13 Filme zur Lage der Nation«

Vorsichtig, berechenbar und harmlos: Deutschlands versammelte Regieprominenz versucht sich an 13 Episoden »zur Lage der Nation«

Text: Gero Drake Foto: Herbstfilm

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass themenbezogene Kompilationsfilme mindestens so überflüssig sind wie Eiswürfel in Bier, liefert ihn »Deutschland 09 - 13 Filme zur Lage der Nation«. Filmische Bestandsaufnahmen eines Landes wie diese von Tom Tykwer initiierte müssen sich an ihrem ambitionierten Anspruch messen lassen. Das Ganze soll mehr als die Summe seiner Teile sein, das Gegenteil aber ist hier der Fall - die guten werden abgewertet durch die Hegemonie der faden und den bitteren Geschmack, den die miserablen hinterlassen.
Den Auftakt macht Angela Schanelec mit ihrem rätselhaft-poetischen, sehr kurzen Film »Erster Tag«, dessen Bedeutung sich zwar nicht unmittelbar erschließt, der aber nachhallt und neugierig macht auf das Kommende. Fatih Akins »Der Name Murat Kurnaz« ist der erste Beitrag mit unmittelbar politischem Bezug. Akin hat ein Zeitungsinterview mit dem Guantanamo-Häftling adaptiert, das, auch wenn es nicht verfilmt worden wäre, in späteren Jahren hilfreich sein dürfte, wenn man etwas über die ethischen Maßstäbe des gegenwärtigen politisch-diplomatischen System in Erfahrung bringen möchte. Isabell Stevers Dokumentation zeigt, wie in diesem Land schon Viertklässler an demokratische Spielregeln herangeführt werden.

Mit rechtschaffen-kritischer Haltung demonstriert Hans Weingärtner in seinem auf einem wahren Fall beruhenden, schauspielerisch mäßigen Beitrag »Gefährder«, dass die Datensammelobsession des politischen Apparates die demokratischen Freiheiten aushöhlt. Nicolette Krebitz verquastes Filmchen dreht sich irgendwie um die gesellschaftlichen Utopien unserer Jugend: Eine Abgesandte derselben lässt Tote auferstehen und Susan Sontag mit Ulrike Meinhof zusammentreffen; beide sondern kluge Dinge ab und werden schließlich – erfolglos – zum Identitätentausch aufgefordert. Auch bei Christoph Hochhäuslers »Séance« fragt man sich, was das eigentlich soll. Sein prätentiöser Science-Fiction reflektiert vermeintlich tiefsinnig über den Begriff »Deutschland« und ist wie im Fluge vergessen.

Sylke Enders Beobachtung von Kinderarmut wirkt länger nach, weil er schwer miteinander vereinbare Lebenswelten kollidieren lässt und in aller Kürze authentische Charaktere entwickelt, über die man gerne mehr erführe. Bei Romuald Karmarkar plaudert ein skurriler Rotlichtbarbesitzer über die abstoßenden sexuellen Vorlieben seiner Gäste und die wirtschaftliche Krise im Milieu. Das ist zwar amüsant, man kann sich aber des Einrucks nicht erwehren, dass hier jemand zum Ergötzen des Publikums vorgeführt wird.

Drei Beiträge versuchen sich im hierzulande heiklen humoristischen Fach. Am besten gelingt das Hans Steinbichler mit seiner Groteske »Fraktur« über einen von Josef Bierbichler verkörperten Geschäftsmann, der mit dem neuen Layout seiner Leib-und-Magen-Zeitung F.A.Z. nicht fertig wird und zu extremen Methoden greift. »Wer die Fraktur nicht lesen kann, der kann das deutsche Wesen an sich nicht lesen«, weiß der Macher. Dass diese famos gespielte und inszenierte Satire ein quicklebendiges Milieu aufs Korn nimmt, macht ein Blick in die Leserbriefseiten der »Zeitung für Deutschland« klar. Dani Levys verspieltes Märchen »Joshua« punktet zwar mit einigen witzigen Dialogen und Anflügen von Charme, holt aber zu vorhersehbar die Moralkeule raus und versickert in gequälter Lustigkeit.

Den absoluten Tiefpunkt der Kompilation hat Wolfgang Becker mit seinem aufwändigen Beitrag »Krankes Haus« fabriziert. Die Metaphorik ist so hausbacken, das Niveau der Witze über den »Patient Deutschland« so erbärmlich, dass kein Provinzkabarett diesen Stoff annähme. Die Kalauerei will einfach kein Ende nehmen, Fremdschämen wächst sich zur gesundheitsgefährdenden Disziplin aus. Einen treffenderen Kommentar zur Lage im »Humorstandort Deutschland« hätte Becker sogar dann nicht abgeben können, wenn er es gewollt hätte.

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»Feierlich Reist«, Regie: Tom Tykwer

Die überzeugendsten Filme (neben dem von Steinbichler) stammen von Dominik Graf und Tom Tykwer. Tykwers im Werbefilmstil gehaltene Impression vom Arbeitsalltags eines globalaktiven Manager ist auf der Höhe der Zeit, temporeich, effizient und einleuchtend inszeniert; auf dezente Weise fördert er dabei zu Tage, dass unter der glatten Oberfläche dieser Welt immer noch eine andere vegetiert. Grafs auf Super-8-Aufnahmen beruhender Essay »Der Weg, den wir nicht zusammen gehen« reflektiert melancholisch über den Zustand unsere Städte, genauer darüber, worin die Würde der architektonische Hässlichkeiten besteht und was ungenutzte Brachen und bauliche Hinterlassenschaften abseits der herausgeputzten Areal über Vergangenheit und Gegenwart dieses Landes erzählen könnten, wenn man ihnen eine Stimme gäbe.

Das hat Dominik Graf getan, und sein Film lässt erahnen, was aus dieser Kompilation vielleicht geworden wäre, wenn mehr Regisseure den Mut und die Kreativität aufgebracht hätten, breitgetretende Pfade zu verlassen. Zu viele Beiträge wagen zu wenig, sie üben redlich Kritik, sind aber weder anregend noch herausfordernd. Diese filmische Spiegelung seines Objektes ist überwiegend vorsichtig, berechenbar und harmlos. Über das Land sagt das, wen wundert’s, noch lange nichts aus.

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»Der Weg, den wir nicht zusammen gehen«, Regie: Dominik Graf

:: »Deutschland 09 - 13 Filme zur Lage der Nation«, ab dem 26.03.2009 im Kino (Piffl)
:: »Deutschland 09« Website



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