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Sprechender Überschuss
»Voices from Undergroundzero« macht bekannt mit neuen Theaterstimmen aus New York City, die unbedingt gehört werden sollten
Text: Astrid Hackel
Wenn man entsprechenden Statistiken glauben kann, passieren die meisten Unfälle in den eigenen vier Wänden. Mit anderen Worten: Der Täter ist bedenklich oft, man glaubt es kaum, der eigene Wohnraum. Seine Waffen schlummern im Verborgenen und werden in ihrer Wirkung gern unterschätzt: Eine lose Treppenstufe, eine Kante, ein unbeachtetes Kabel oder eine kaputte Diele können den Bewohnern plötzlich zum Verhängnis werden. Zur Verantwortung gezogen wird der Wohnraum nie, denn er hüllt sich in Schweigen. Haftbar gemacht werden immer die anderen: die Mieter, Eigentümer oder die Versicherung.
Auf den ersten Blick könnte man »Brüchig« für ein ziemlich konventionelles Theaterstück halten: Eine überforderte, depressive und hyperventilierende Mutter bleibt mit ihrer schwierigen, pubertierenden Tochter nach dem Tod des Vaters, der beim Weihnachtsengelrichten im eigenen Wohnzimmer ums Leben kam, zurück. Ab und zu mischt sich die Tante ein, die glaubt, für alles die richtige Lösung zu haben, aber mit ihren Ratschlägen und Geschenken alles nur noch schlimmer macht. Für den Verfall der Familie findet sich in der Verwahrlosung des ehemaligen Herrenhauses ein treffendes Bild. So weit könnte man »Brüchig« für ein ziemlich langweiliges, schon oft gesehenes Theaterstück aus den 1960ern halten. Nun heißt die Autorin aber Sheila Callaghan und gehört zu den angesagtesten New Yorker DramatikerInnen. Ihr Text, im Original »Crumble (Lay Me Down, Justin Timberlake)« bildet den Auftakt der im Theater der Zeit erschienenen Anthologie »Voices from Undergroundzero. Neue Theaterstücke aus New York City«. Das fast vierhundert Seiten starke Buch bietet einen repräsentativen Querschnitt neuer New Yorker Theatertexte, deren Autoren es wie Callaghan oder Anne Washburn bereits vom Off-Off in die Off-Szene geschafft haben oder noch gänzlich unbekannt sind. Allen hier versammelten Dramatikern gemeinsam ist, dass keine ihrer Arbeiten bisher in deutscher Sprache inszeniert worden ist.
Was Callaghans Stück zu einem Coup macht, ist sein Überschuss. Eine Sprache, die durch Absurdität und makabre Komik besticht und über Auslassungen, Monstrositäten und Wortfindungsstörungen Gesellschaft kritisch beschreibt. Unter anderem treten als Reinkarnation des abwesenden Vaters Justin Timberlake und Harrison Ford auf. Der Wohnraum hat eine eigene Stimme, mit der er seine Bedürfnisse, Probleme, Ängste artikulieren und sein erstaunliches Gedächtnis unter Beweis stellen kann. Im Gegensatz zu schweigenden Wohnräumen weiß er sich und seine Taten also durchaus zu verteidigen. Was er hasst: apathische Bewohner, die selbst zu Einrichtungsgegenständen werden, ihn weder flicken noch pflegen, weder wienern noch streicheln. Gegen solche Bewohner muss er sich zur Wehr setzen – indem er sie möglichst rasch wieder los wird ohne selbst dabei drauf zu gehen. Keine Frage: Er leidet und das Leiden schlägt sich in seiner Sprache nieder – einer Sprache, die alles andere als 60er-like und selbst Raum ist, »Muffig. Ich stinke. Knarre dauernd … Mein Rücken. Staubfäden … fffft. Schrecklich. Oh. Alles klar, das war eine RATTE, gerade eine gespürt«. Bei Callaghan spricht der Raum und der ist vielgestaltig und performativ: Er ist Wohnraum, mal universal, mal als Diele oder Heizkörper pars pro toto, er ist Text, Textbild und Inszenierung, aber auch die jede auf ihre Art nach Raumwerdung strebenden Protagonisten, die aufs Neue lernen müssen, sich abzugrenzen und in sich selbst Fuß zu fassen.
»Brüchig« erschöpft sich wie so viele Theatertexte der Anthologie nicht im Plot. Im Gegenteil: Die konventionelle Grundsituation ist nötig, um dem Überschuss ein Gerüst, ja eine Dramaturgie zu verleihen und umgekehrt: Der Überschuss legitimiert hier das Erzählen einer nicht zufällig erzählten Geschichte und schafft den Bezugsrahmen, um so etwas wie affektive Teilnahme überhaupt noch oder wieder zu ermöglichen. Die Dramaturgin und Publizistin Helen Shaw liefert in ihrem vorangestellten Essay ein prägnantes Bild der aktuellen New Yorker Theaterszene und bringt die derzeitige Entwicklung auf den Punkt: »This new generation of writers insists on doing what would have been terminally un-hip just a decade ago – they try to write plays with meanings, even, occasionally, messages.« Theatertexte mit einer message? Zeichnet sich da etwa ein neuer Konservatismus ab? Shaw macht unmissverständlich klar, dass es sich gegenwärtig um keine dramatische Reversion handelt. Nein, es ist viel unspektakulärer, aber auch folgerichtig. Liest man diese wunderbaren, höchst unterhaltsamen, teils makabren Stücke von Callaghan, Washburn, Saviana Stanescu, Thomas Bradshaw, Emily Conbere, Michael Yates Crowley, Steven Fechter und Sarah Hammond, spürt man: Hier wird jenseits von Schlagworten wie Postdramatik, Radikalität oder Avantgarde beherzt und selbstbewusst Neu- und Textland betreten, vielleicht schlicht und ergreifend, weil sich die Zeit immer weiter bewegt, auch nachdem das Ende der Dramatik lauthals verkündet und dieser Ruf dennoch nicht allerorten gehört oder bewusst überhört wurde.
Bleibt zu hoffen, dass New Yorker Stücke auch in Europa bekannter werden und hier die Theaterszenen aufmischen und dass der Anthologie – als Wegbereiterin oder Begleiterin – möglichst bald »Voices from Undergroundzero 2« folgen wird.
:: »Voices from Undergroundzero. Neue Theaterstücke aus New York City«, hrsg. von Christine Richter-Nilsson und Paul Bargetto, deutsch von Christine Richter-Nilsson und Bo Magnus Nilsson, Theater der Zeit, Berlin 2008, 384 S., € 15,00
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Lisa Pocher / 26.09.2009 / 08:18
Man bekommt gleich Lust auf dieses Buch und wünscht sich diese Stücke auch hierzulande mal zu sehen.