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Anscheinend glaubt die Schweizer Jugend geschlossen und uneingeschränkt an Gott. Werbebroschüre oder realistisches Porträt?

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Wir nennen es Ambivalenz

Immer wieder schön: Thomas Bernhards Lachprogramm

Text: Konrad Roenne

Zwanzig Jahre nach seinem Tod beglückt er uns noch einmal mit einem Buch und scheint aus dem Jenseits heraus erneut zu provozieren und polarisieren: der Arschloch-Mythos lebt! Maxim Biller ging im Januar dieses Jahres in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung so weit, die Bücher Bernhards als ziemlich dürftige, sich ständig wiederholende Gemeinheiten zu charakterisieren, mit Ausnahme des nun erschienen »Meine Preise«, dessen Typoskript wohl 1980 niedergeschrieben wurde. Biller versucht durch seine Einschätzung des Bernhard’schen Werkes möglicherweise die Ambivalenz »grandioser Autor – schlechter Mensch« zu umgehen, einfach indem er neben dem Menschen – »dieser opportunistische Kaffeehaus-Schreihals« – auch das Werk in Zweifel zieht.

Dabei findet man in »Meine Preise« genau das, was es auch in den anderen Bernhard-Büchern zu entdecken gilt: die Kunst der Übertreibung, den Kleist’schen Furor des Erzählens, die Ironie, die Ambivalenz des Ich-Erzählers, der hier erstmals und eindeutig Thomas Bernhard selbst ist und bei dem wir nicht Gefahr laufen, auf den Autobiographie-Leim zu gehen, wie das bei seinen sogenannten autobiographischen Schriften über seine Kindheit und Jugend der Fall sein dürfte. – Der Text ist fast dreißig Jahre alt und überragt wohl doch die derzeitige deutsche Literatur turmhoch, falls man davon ausgeht, dass es beim Schreiben um Sprache geht. Denn auch für »Meine Preise« gilt Günter Blöckers Satz über das Bernhard’sche Prosawerk: »Wenn es – seit Kleist – in der deutschsprachigen Literatur je wieder gelungen ist, Existenzbewegung vollständig in Sprachbewegung zu transformieren, dann hier.« Und worum es in »Meine Preise« geht, das ist ja nicht nur die Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, der Rückblick auf die Skandale, die diese Preise und Verleihungen oftmals ausgelöst haben, sondern um das Unbehagen an der Schriftsteller- und Künstlerexistenz, die Zumutungen von Ehrungen, den eingestandenen Opportunismus durch die Annahme dieser Preise, die Unmöglichkeit eines Geistesmenschen in einer geistlosen Welt, die Zumutung überhaupt existieren zu müssen. Und die Möglichkeit, an all dem nicht zugrunde zu gehen: durch die Ironie, der Welt und sich selbst gegenüber.

»[…] es ist ein philosophisches Lachprogramm, das ich irgendwie aufgemacht hab’ vor zwanzig Jahren, wie ich zum Schreiben angefangen hab’.« So beschreibt ein verschmitzt daherredender Bernhard sein Schreiben in den »Monologen auf Mallorca«, welche die Journalistin Krista Fleischmann im Oktober 1980 mit dem Schriftsteller aufnahm. Ein weiteres Filmporträt entstand 1986 in Madrid, »Die Ursache bin ich selbst«. Beide sind nun zusammen auf DVD erhältlich und lassen noch heute erahnen, wie befremdlich sie damals wohl auf Teile des Fernsehpublikums gewirkt haben müssen: der angebliche Über-Misanthrop, der »finstere Schriftsteller«, der »Verzweiflungsvirtuose und Missmutsmanierist« schlendert auf der Balearen-Insel und in der spanischen Kapitale umher, lässt sich in Straßencafés die Sonne ins Gesicht scheinen und plaudert vergnügt drauf los, die Welt und sich selbst scheinbar nur bedingt ernst nehmend – das Arschloch ist ein angenehmer Kerl.

Die beiden Filme können in gewisser Weise als Fingerzeige gesehen werden, wie man Bernhard lesen und verstehen kann. Seine Geisteskälte ist mitnichten eine Gefühlskälte. Hinter der Übertreibung, den Gemeinheiten, der Ironie und dem Lachen steht gar ein humanistisches Programm, oder wie es Bernhard Minetti einmal formulierte: »Man kann ihn zitieren – man kann sich stundenlang in Bernhard’schen Sätzen unterhalten. Man kann mit den Sätzen leben.« Und da will es ihm doch sicher niemand mehr übel nehmen, dass er statt eines guten Menschen ein Schriftsteller geworden ist. – Die Tage, als der »opportunistische Kaffeehaus-Schreihals« noch unter uns weilte, waren sicher bessere.

:: Thomas Bernhard. Meine Preise. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 139 S., € 15,80
:: Krista Fleischmann. Monologe auf Mallorca + Die Ursache bin ich selbst. Die großen Interviews mit Thomas Bernhard. filmedition suhrkamp/absolut MEDIEN, Frankfurt am Main/Berlin 2008, DVD, 94 Minuten, € 19,90



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