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Frühlingslektüre
Fußball, Zipperlein und Liebespein: Drei Tipps für die nächsten unbeständigen Tage und Wochen
Text: Ronald Klein
»Eingebildete Übel gehören zu unheilbaren«, erkannte die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach sehr weitsichtig bereits im 19. Jahrhundert. Das Phänomen fand in der Literatur schon länger Beachtung, man denke an Molières »Der eingebildete Kranke«. Während die junge Wissenschaft der Psychologie an der Schwelle zum 20. Jahrhundert Frauen noch das schwammige Alles-und-Nichts namens Hysterie zuschrieb, galten Männer tendenziell als Hypochonder. So kommentiert Torsten Schulz, einer der Herausgeber des Buches »Hypochonder«, süffisant, dass Selbiges helfe, die Männer besser zu verstehen. 21 Beiträge zu der unsäglichen Angst vor Zipperlein, die statistisch übrigens beide Geschlechter gleichermaßen befällt, fanden den Weg in das vergnüglich zu lesende Büchlein. Den Auftakt bildet Corinna Waffenenders makabre Kurzgeschichte »Wasser im Wein«, die mittels einer unappetitlichen Pointe sofort dafür sorgt, dass sich ein flaues Gefühl im Magen ausbreitet. Jochen Schmidt hingegen analysiert neben den septischen Einflüssen des Alltags, auch die Disposition für ein langes Leben: »Für Deutsche scheint es sich ja günstig auf die Lebenserwartung auszuwirken, wenn sie in ihrer Jugend mal eine Naziphase hatten. Ernst Jünger 102 Jahre, Leni Riefenstahl 101 Jahre, Klaus Barby, der Schlächter von Lyon, 95 Jahre, der Soziologe Carl Schmitt 97 Jahre«. Da Schmidt mit derartigem nicht aufwarten kann, warnt er sofort weibliche Bekanntschaften mit der Erkenntnis: »Mädchen, du verschwendest deine Zeit an einen Sterbenden.«
Während thematische Anthologien oft am schwankenden Niveau der einzelnen Beiträge kranken, gelang den drei Herausgebern eine gelungene Zusammenstellung auf konstantem Humor-Niveau. Bisweilen absurd komisch, oft hervorragend beobachtet – die ideale Aprilwetter-Lektüre, nicht nur für geplagte Schnupfnasen und Migräneopfer.
Das hervorragend kompilierte Hypochonder-Buch spricht absolut für ein weiteres Projekt des Herausgeber-Triumphirats Christoph Meueler, Torsten Schulz und Frank Willmann. Seien wir ehrlich: Unangenehm blieb im Jahr 2008 der Hype um die Fußballeuropameisterschaft im Gedächtnis. Public Viewing bis zum Abwinken, laienhafte Expertenmeinung an jeder Ecke und Fahnenmeere in der Innenstadt und in den Vorgärten. Doch am allerschlimmsten wirkten schlaksige Autoren, die euphorisch jubelnd in unzähligen Kolumnen und vor den Kameras zum Besten gaben, dass sie schon immer gekickt hätten und sowieso seit Jahrzehnten einen Taschenfußball neben dem obligatorischen Notizblock bei sich führten. »Der lange Weg nach Wien« nimmt zwar ebenfalls die EM aufs Korn, jedoch mit einem sympathischen Augenzwinkern. Jeder der teilnehmenden Autoren erhielt eine Nationalmannschaft zugelost, deren Spiele er frotzelnd bis euphorisch begleitete. Dass Bernadette la Hengst beispielsweise ihren Unmut bezüglich des »Patenkinds« offen ausdrückt, zeigt exemplarisch, dass es sich nicht um ein beliebiges Jubelbändchen handelt. Wer sich noch einmal die Einzelheiten der EM-Spiele ins Gedächtnis rufen möchte, dem sei das kurzweilige Bändchen, das auch über einen ordentlichen Statistik-Teil verfügt, ans Herz gelegt. Dem Buch liegt eine Audio-CD bei, die sich zum literarischen »Public Listening« eignet.
Für die Teilnahme an der Fußball-EM reichte es bei der Slowakei nicht. Dafür beeindruckt literarisch die 1974 geborene Jana Beňová mit ihrem bereits 2001 erschienen Debüt-Roman »Parker«, der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Als Rahmen dient die Liebesgeschichte zwischen Heidi und dem männlichen Protagonisten Parker. Damit verwoben sind Erinnerungen an die Kindheit Heidis und ihrer Beziehung zur Großmutter. Geschildert in authentisch wirkenden, fast tagebuchähnlich skizzierten Erinnerungen, verliert sich die zeitliche Kontinuität, es entsteht ein spiegelhafte Reflektion von Kindheit und jungem Erwachsensein. Doch Beňová präsentiert noch mehr ästhetischen Mut, indem sie die Prosa durch das Einflechten von Gedichten bricht. »Parker« funktioniert somit weniger als klassischer Roman, sondern als spannend formulierter, ästhetischer Steinbruch, der dem Leser ebenso mutig wie gekonnt eine offene Form präsentiert, die gekoppelt mit der dichten, redundanzlosen Sprache für ein enorm starkes literarisches Debüt sorgt.
:: »Hypochonder. 21 Texte über eingebildete Krankheiten«, herausgegeben von Frank Willmann, Torsten Schulz, Christof Meueler, Mitteldeutscher Verlag, 152 S. 14,90 €
:: »Der lange Weg nach Wien. Das definitive und endgültige Autorenfußballweltmeisterschaftsbuch 2008« von Frank Willmann, Torsten Schulz, Christof Meueler, Voland & Quist, 160 S., 14,80 €
:: »Parker« von Jana Beňová, Erata Verlag, 123 S., 13,95 €
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