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Wo hören wir Stimmen?
Die Anthologie »Stimm-Welten«: Eine Spurensuche
Text: Nele Blum
Ein Summen, ein Zischen, ein Flüstern. Verzerrt und verfremdet, weit weg und im nächsten Moment fast greifbar nah und vertraut. Ein steter Wechsel aus Erahnen, Wissen, Verwirrung und Verlust. Franziska Baumanns Vokalkunst erschließt Räume jenseits semantischer Zuschreibung und Manifestation. Ihre Klang- und Stimmgemälde fungieren als Orientierungspunkte in einem performativen Raum, der in seiner Erschaffung oder Transformation schon wieder verklingt und vergeht: in jeder Sekunde Erschaffung und Tod.
Eigens für die von Doris Kolesch, Vito Pinto und Jenny Schrödl herausgegebene Anthologie »Stimm-Welten« schuf die grenzgängerische Sängerin und Klangkünstlerin eine Stimm-CD, deren Tracks so geheimnisvolle wie bildevozierende Titel – »To Whisper is A Cloud« oder »Out Of Ice« – tragen. Ihre weitgehend sinnentleerten, aber stark verdichteten, meist chorischen Stücke verbildlichen, was unter Doris Koleschs der Atmosphäre entlehnten Begriff Sonosphäre vorstellbar ist: Spricht die Atmosphäre zunächst alle Sinne gleichermaßen an, fokussiert die Sonosphäre den Schallraum und lenkt die Aufmerksamkeit gezielt auf die akustischen Phänomene. Zuhörend nehmen wir teil und Anteil, sind innen und außen, getrennt und umgeben vom akustischen Ereignis. Entsprechend wird die Stimme hier nicht nur als etwas sich in der Zeit, sondern bewusst als etwas sich im Raum Ereignendes begriffen. Das passt zum »spatial turn« und der Frage, was sich überhaupt jenseits des Raumes vollzieht: »Ist nicht jeder Klang im Raum?«, fragt Gernot Böhme gleich zu Beginn seiner Überlegungen zur Stimme als Artikulation leiblicher Anwesenheit, gerade weil immer wieder behauptet werde, das Hören ereigne sich »im Kopf«. Dies mag über das spätestens nach dem Siegeszug des I-Pod weit verbreitete Kopfhören hinaus vor allem darauf zurückzuführen sein, dass die Stimme in hohem Maße präsent, aber gleichzeitig unsichtbar ist und sich in ihrer Heterogenität als ortlose auszeichnet. Denn »[w]ie allen auditiven Phänomenen ist ihr eigen, dass sie sich von ihrem Herkunftsort entfernt und dislokalisiert,« ohne dass wir ihre Spur mit den Augen verfolgen könnten. Als unfassbares, nichtgreifbares Phänomen – das schon im Reden darüber immer Gefahr läuft auf die Ebene des Hörens reduziert zu werden – mag gerade diese detektivische Herausforderung sie attraktiv für die verschiedensten Wissenschaften, von der Musik- über die Medienwissenschaft bis zur Biophysik machen. Schon der Titel verweist darauf, dass es sich hier nicht um eine, sondern um mehrere Welten handelt.
Dem interdisziplinären Anspruch entspricht der Ansatz, Medium und Kunst miteinzubeziehen und Stimme in ihrer Vielfalt und Widerspenstigkeit tatsächlich hörbar zu machen. Franziska Baumanns Klangkunst ist treffende Exemplifikation der hier versammelten Reden über Stimme und auf jeden Fall der akustische Höhepunkt dieser anspruchsvollen und spannenden Publikation.
:: »Stimm-Welten. Philosophische, medientheoretische und ästhetische Perspektiven«, hrsg. von Doris Kolesch u.a., transcript Verlag, Bielefeld 2009, 224 S., € 24,80
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