worte
Krimikolumne III
Neue, brandheiße Noirs, die man unbedingt lesen muss, wenn man starke Nerven und einen gewissen Humor hat: Nisbet, Ellroy und Johnson
worte
Krimikolumne II
Vom postatomaren Japan über die tiefen Wiener Sümpfe eines Wolf Haas’ bis hin zum Münchner Südfriedhof: Vier recycelte Realitäten.
worte
Demont / Schenker: Ansichten vom Göttlichen
Anscheinend glaubt die Schweizer Jugend geschlossen und uneingeschränkt an Gott. Werbebroschüre oder realistisches Porträt?
Artikel

Die große Fantasie
Adam Bradley erklärt, dass es sich bei Rap schlicht um Dichtkunst handelt
Text: Jens Pacholsky
1990 stehen die Jungs von der 2 Live Crew in Florida vor Gericht. Die Anklage lautet »Drecksmäuligkeit« und somit eine Zumutung für die zivilisierte Gesellschaft. 17 Jahre später beschäftigt sich ein Komitee des US-Kongresses mit der Profanität des Rap. Die Großen des Geschäfts werden um Aussagen gebeten. In den Jahren dazwischen fluchen Quentin Tarantinos Protagonisten sich durch nihilistische Slums, ein späterer Senator ballert die halbe Menschheit nieder und Heavy Metal blüht in seinen morbiden Blutsümpfen auf.
Rap hat im Angesicht der Öffentlichkeit kein gutes Wort hinterlassen. Rap ist Straße, Dreck und Vergewaltigung, naive Macht- und Ruhmegomanie, sexistisch und herablassend. Das war der gefeierte amerikanische Dichter Charles Bukowski auch, vom viel zitierten Marquis de Sade ganz zu schweigen. Wo die beiden Schriftsteller als große Künstler gelten, fällt Rap durchs Gulli-Raster.
Das sehen leider nicht nur besorgte Muttis und die Medien so, sondern oft auch die eigenen marktschreienden Fans und Rapper. Dabei hat Rap seit Anbeginn eine der längsten Kunst-Traditionen fortgeführt und aufgefrischt: Die Dichtkunst.
Six in the mornin’
Police at my door.
Fresh Adidas squeak
Across my bathroom floor.
Out my back window,
I made my escape.
Don’t even get a chance
To grab my old school tape.
Ice T »6 ‘N the Mornin’, 1987
Quod erat demonstrandum
Adam Bradley, Literatur-Dozent und passionierte Rap-Hörer, tritt deshalb in seinem Buch »Book Of Rhymes – The Poetry of Hip Hop« die Beweisführung für Rap als Sprachkunst an. Für den Assistenzprofessor am Claremont McKenna College ist Rap eindeutig in der westlichen Poesie wie auch der Oral Tradition der afrikanischen Urahnen verwurzelt. Rap hat seiner Meinung nach die Kunst des Dichtens überhaupt aus der Versenkung geholt, in die sie im vergangenen Jahrhundert zusehends ziellos hineintauchte. Rap hat deren Zwickmühle zwischen Sprachneuerung und traditionellen Strukturen spielerisch gelöst.
Bradleys Argumente sind geradliniger, als sein eher schlecht strukturiertes Buch vermuten lässt. Rap besitzt alle Merkmale eines klassischen Gedichts: Rhythmus, Reim und Wortspiel. Als performative Kunst, die als gesprochenes und präsentiertes Wort funktioniert, vollführt Rap sogar den sehr alten Schulterschluss mit den frühesten Elementen der Poesie: Style, Storytelling und Signifying (das Battle).
In den insgesamt sechs Kapiteln seines Buches untersucht Bradley akademisch wie trivial diese Aspekte der Dichtkunst. Er stellt Rap in den Kontext mit Literatur-Klassikern wie William Shakespeare, W.B. Yeats und John Skelton. Auch wenn er bei seinem Name-Dropping sehr an der Oberfläche des Geschehens bleibt, sich an Kanye West und 2 Pac als Vorzeigebilder verbeißt und viele wichtige Vertreter der Rap-Kunst nicht oder nur peripher erwähnt, ist sein Buch fachlich gut recherchiert. Wer hätte gedacht, dass Ice Ts 1987 Opus Magnum »6 ‘N The Mornin’« sich wie ein rhythmisches Spiegelbild zu Langston Hughes’ 1931 entstandenem Gedicht »Sylvester’s Dying Bed« liest? Oder dass sich Rap so schöner Stilfiguren wie Onomatopoeia, Assonanz, Metonymie, Antanaklasis und Epiphora bedient?
Now if you’re from uptown, Brooklyn-bound
The Bronx, Queens, or Long Island,
Even other states come right and exact,
It ain’t where you’re from, it’s where you’re at.
Rakim »It Ain’t No Joke«, 1987
Profanität im Heiligtum
Natürlich sind dies handwerkliche Elemente, die den Vorwurf der Profanität nicht abwehren können. Adam Bradley widmet sich dieser Problematik in den letzten beiden Kapiteln, holt die Rapper wie auch Fans ins Boot und erlegt ihnen gleichermaßen Verantwortung auf. Denn mittlerweile hat sich Rap immer stärker im reinen Signifying verloren. »Ich bin der Schönste und hab den Längsten« kommt direkt vor »Ich hab auch noch nen paar harte Jungs auf meiner SIM-Karte abgespeichert.« Zum einen muss, um die Pauschalkritikern abzubremsen, klar sein, dass in jeder Kunstrichtung auf jedes Genie mindestens das Hundertfache an Marktschreiern, Plagiaten und talentlosen Verlierern kommt. Die echten Sprachakrobaten wie Rakim, 2 Pac, Jay-Z, Lyrics Born, Nas, Slick Rick, Biggie und Ty können an zwei Händen abgezählt werden. Wo Geld im Spiel ist, öffnet sich schnell die Büchse der Pandora. Und wie auch auf dem normalen Kunstmarkt macht der Kunsthändler die Geschäfte klar, selten der Künstler. Künstler und Fan verlieren seitdem die Essenz, die Rap und Lyrik ausmachen, aus den Augen. Oder wie es Jay-Z während der anfangs erwähnten Kongressanhörung formulierte: »[Die Fans] sehen leider nicht die Unterscheidung zwischen Shawn Carter und Jay-Z. Für sie ist alles, was ich sage, echt und zu keinem Zeitpunkt Unterhaltung. Für mich bedeutet >real< vor allem großartige Fantasie.«
Genau darin sieht auch Adam Bradley die größte Herausforderung und Chance. Angelehnt an Saul Williams gegenläufige Differenzierung von Rapper und Poet geht es um eine ganz grundlegende »Realness«. Williams argumentierte 2004, »wo ein MC immer kontrolliert sein muss, darf der Dichter Fragen stellen. Er darf verletzlich sein, während für einen MC und im HipHop allgemein Verletzlichkeit ein Zeichen der Schwäche ist. Aber genau dadurch wird der MC immer unechter, weil er seine Verbindung zur wahren Natur der Menschen verliert.« Bradley nimmt diesen Faden auf, verbindet ihn mit Jay-Z’s Definition fantastischer »Realness« und fragt abschließend die simple wie herausfordernde Frage, ob HipHop groß genug in seiner Ausdruckskraft ist, Verletzlichkeit einzubeziehen. Schließlich wollte Rap immer Wahrheit sein.
:: Info1
:: Linktext
Kommentieren
- »Dandy in der Unterwelt«
- Sonic Youth
- »Der Tod des Bunny Munro«
- Doris Dörrie: »Und was wird aus mir?«
- Selim Özdogan
- Sybille Berg »Der Mann schläft«
- Sex and Crime / 1
- Baccio Bandinelli
- Hausdurchsuchung
- Krimikolumne
- DJ Disco Wiz
»It’s Just Begun«
- DJ Disco Wiz
»It’s Just Begun«
- Knut Hamsun zum 150.
- Tova Reich »Mein Holocaust«
- »Morgenende« von Gerrit Wustmann
- Anna Katharina Hahn
- Michael Weins »Delfinarium«
- Adam Bradley
»The Book Of Rhymes«
- Doris Kolesch u.a.: Stimm-Welten
- Björn Kuhligk: Gedichte
- Willmann, Schulz, Meueler & Beňová
- Thomas Bernhard
- Stefan Ripplinger
»I Can See Now«
- Voices from Undergroundzero
- Denis Johnson »Ein gerader Rauch«
Ältere Artikel »








