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Krimikolumne III

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Neue, brandheiße Noirs, die man unbedingt lesen muss, wenn man starke Nerven und einen gewissen Humor hat: Nisbet, Ellroy und Johnson



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Krimikolumne II

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Vom postatomaren Japan über die tiefen Wiener Sümpfe eines Wolf Haas’ bis hin zum Münchner Südfriedhof: Vier recycelte Realitäten.



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Demont / Schenker: Ansichten vom Göttlichen

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Anscheinend glaubt die Schweizer Jugend geschlossen und uneingeschränkt an Gott. Werbebroschüre oder realistisches Porträt?

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Geschichten im verlorenen Raum

Michael Weins erzählt in seinem Roman »Delfinarium« von einer fehlenden Geschichte, indem er unendlich viele Geschichten erzählt

Text: Karen Struve Foto: Tanja Bächlein

»Delfine, die Werbemillionäre, die Streber, die Schleimer der Weltmeere. Fischige Gutmenschen, widerlich.« Wer beim Titel des neuen Romans von Michael Weins an freundliche, dümmlich-keckernde Delfingeschichten denkt und sich auf eine dauergrinsende Geschichte freut, hat sich glücklicherweise geirrt. Das Delfinarium ist nur ein Ort, an dem eine in sich gekehrte Frau die Faszination wiederfindet, wo der Erzähler Daniel stickige, warme Luft einatmet und Traum und Wachen nah aneinanderrücken.
Daniel lebt nach dem Abitur mit seinem depressiven Vater im Alten Land, schläft gelegentlich mit der politisch-aktiven Pastorentochter Petra und beginnt einen neuen Job. Er soll sich um Susann kümmern, eine Frau, die nach einem Unfall weder ansprechbar ist noch spricht, sehr wohl aber Delfine im Delfinarium besucht. Der 20jährige verbringt viel Zeit mit ihr, verliebt sich ein bisschen in die Frau mit den strahleblonden Haaren, bekommt merkwürdige Zeichen, dass Susann womöglich doch nicht die Frau des traurigen Kochs sei, die sie zu sein scheint. Und Daniel macht sich mit ihr auf den Weg, das herauszufinden.
Eigentlich ist keine der Figuren in dieser Geschichte an ihrem richtigen Ort: Sie stehen immer ein bisschen daneben. Daniel, der mit Nachnamen Martin heißt, verpatzt beim Vorstellungsgespräch für seinen Betreuerjob gleich die Begrüßung, so dass er von da an Martin heißt. Aus Daniel Martin wird Martin Daniel. Er verkehrt mit seiner Freundin Petra, die zwar gar nicht seine Freundin ist, sich aber für die Landschaftserhaltung im Alten Land einsetzt. Hier wohnt Daniel und ist enttäuscht, dass diese norddeutsche Gegend doch nicht das von ihm als Kind erträumte Feen-Land ist, sondern von derben und einfachen »Apfel-Menschen« besiedelt wird. Daniel lebt bei seinem Vater, der keine Vaterfigur ist, aber seinen Sohn sehr liebt, auch wenn er »frühberentet, gescheitert, depressiv« im Sessel seiner Melancholie nachhängt; Daniels verstorbene Mutter existiert nur auf einem Foto.
Nun soll der Erzähler mit einer 32jährigen stummen, gedächtnislosen Frau Zeit verbringen. Sie spricht nicht, schaut nur vor sich hin und hat nach dem Unfall ihr Gedächtnis verloren. Sie ist vermutlich die Einzige, die so verrückt ist, dass sie immer am richtigen Ort ist. Es gibt einen Ehemann, der keiner ist, einen Sohn, von dem nur berichtet wird, einen fremden Mann, der behauptet, mit Susann verheiratet sei, die aber in Wahrheit Marie heiße, einen alten Mann, der Daniel das Amt des Oberalten vermachen will, eine Frau, die eine rätselhafte Nachricht hinter den Scheibenwischer klemmt und schließlich sogar einen Hund, der nicht existiert. Sie alle sind in der ›richtigen‹, der ›gesunden‹ Welt und doch passen ihre Geschichten nicht recht zusammen. Vielleicht aber haben all diese Menschen auch ihren richtigen Platz und nur Daniel weiß nicht wohin. Dieses Lebensgefühl, das ins Nichts führt und so gar nicht von jugendlicher Unbeschwertheit relativiert wird, beherrscht Daniel und seine Sicht auf die Dinge. Und das wird herrlich bis ans Romanende erzählt.
Fasziniert ist er von Susann, um die sich der Roman dreht, auch wenn sie selbst keine Geschichte hat und die Geschichten, die andere über sie erzählen, viel zu mächtig sind. Susann verunsichert Daniel derart, dass ihm nur noch die selbstsichere Geste bleibt: »Sie dreht sich um und sieht mich mit großen Augen an. Sie schläft, denke ich, ein Blick wie ein Haus mit verwaisten Fenstern und ich bin dazu da, um in allen Zimmern Licht anzumachen. Was denkst du denn da für einen Scheiß, höre ich mich denken, ist noch alles okay mit dir? Bei mir selbst weiß ich wenigstens genau, welchen Ton ich anzuschlagen habe.«
Weins kann erzählen, daran gibt es keinen Zweifel. Ein Ausschnitt aus »Delfinarium« hat gereicht, um ihm zum Preisträger des Hamburger Förderpreises für Literatur zu machen, der gesamte Text ist, wie etwa die eindrucksvollen Texte von Finn-Ole Heinrich, gerade im kleinen, feinen Hamburger Verlag mairisch erschienen. Unablässig tauchen um Daniel und Susann herum Figuren mit neuen Geschichten auf, die meist nur ein Anfang sind und als Erzählstränge wieder fallen gelassen werden. Das Geheimnis um Susann, die körperliche Faszination, die sie auf den Erzähler ausübt, die gemeinsame Reise zu einer erhofft eindeutigen Geschichte, die humorvollen Passagen à la »Würde man mich zwingen, ein Tier zu heiraten, wäre meine Braut ohne Frage eine Giraffe. Blöde Fische, denke ich.«, beschleunigen die Lektüre auf angenehme Weise. »Delfinarium« ist Liebesroman und Kriminalgeschichte in Einem, erzählt vom Leben auf dem Lande und polit-aktivistischen Provinzlern, die ihren Kampf gegen die Globalisierung kämpfen – eine Road Story mit der obligatorischen – aber immer wieder neuen – Reise zu sich selbst.

:: »Delfinarium« von Michael Weins, Mairisch Verlag, Hamburg 2009. 216 Seiten, 17,90 Euro.



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