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Krimikolumne III

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Neue, brandheiße Noirs, die man unbedingt lesen muss, wenn man starke Nerven und einen gewissen Humor hat: Nisbet, Ellroy und Johnson



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Krimikolumne II

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Vom postatomaren Japan über die tiefen Wiener Sümpfe eines Wolf Haas’ bis hin zum Münchner Südfriedhof: Vier recycelte Realitäten.



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Demont / Schenker: Ansichten vom Göttlichen

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Anscheinend glaubt die Schweizer Jugend geschlossen und uneingeschränkt an Gott. Werbebroschüre oder realistisches Porträt?

Artikel

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Frau mit Rasierklinge

Nach zwei Erzählbänden hat ANNA KATHARINA HAHN endlich ihren ersten Roman veröffentlicht.

Text: Matthias Penzel

Nach einer knappen Charakterisierung ringend, ließe sich sagen, ganz diffus, dass sie etwas von Portishead hat. Der Rhythmus grundsolide wie bei den Allerbesten, dazu ein eigener Ton und Themen, die ganz nah an der Realität von heute sind. Doch bei den Details gehen einem vollends die Lichter aus.
Das Debüt von Anna Katharina Hahn heißt »Sommerloch«. Die Erzählungen darin haben Titel wie »Jägermeister«, »Der Angeber« oder »Problemzonen«. Sie wimmeln vor Menschen, die einem täglich begegnen, nur eben nicht in der Gegenwartsliteratur. Die Fantastischen Vier liefern ein Motto, dann Hahn: »Die raspelkurze Platinblondine packt das Lunchpaket«, und schon entblößt sich der Horror, mit Ponypipi, Brüsten mit Schnullerwarzen … und einem Waran. Also nicht bloße Normalität, sondern ein aus dem Ruder geratener Alltag. So auch bei dem Schuhverkäufer, der vor Feierabend der letzten Kundin die Riemchen einer silbernen Sandale schließt, dabei an einen Film denkt »und wie der Typ sich gefühlt haben mußte, als er seine bloßen Finger in diese Möse steckte«. Das Gesicht der Kundin ist blass »wie weiße Mousse au Chocolat«. Auf dem Klappentext des im Jahr 2000
erschienen Bands steht: »Anna Katharina Hahn, geboren 1970 in Ruit, lebt in Berlin.«
Vier Jahre später (auch das wie Portishead: endloses Feilen, Veröffentlichungen in eigener Zeitschlaufe) steht im Kleingedruckten des nächsten Buchs wenig mehr. Auch Erzählungen, auch wie atemlos aus der Hüfte gestoßen, als sei sie mehr Revolverheld als Dichterin. Beim Debüt blickte aus dem Autorenfoto noch eine Rabenkrähe mit Ohrringen einer Zigeunerin, irre und weit weg, als dächte sie an eine Kristallkugel und die Welten, die sie darin beschwört. Bei »Kavaliersdelikt« sieht sie immer noch so aus wie diese Unnahbaren, bei denen alle Typen glotzen, wenn sie auf der Tanzfläche erscheinen – und doch wie jemand ganz
anders. Wieder sind die Sätze prall gefüllt mit Angst und Schmerz, viel Galgenhumor und mit diesem Realismus, wie er in Blütenzimmern, im Sommerhaus, später in WG-Romanen aber völlig fehlt. Auch hier Männer und Frauen, Langzeitstudenten und Entführer von Rassehunden, auch S&M oder Blut und Lippenstift, Jobbende im Supermarkt oder Vergewaltigte… Das Lachen bleibt einem im Halse stecken, der Horror ist zum Schreien … komisch. Nun aber mal sachlich, Inventur. Was haben wir? Eine Frau, die
dem Volk in der U-Bahn aufs Maul schaut, die sehr genau hinsieht, wo man instinktiv wegblicken möchte, und die dann in die Tasten haut, als könnte sie gar nicht anders. Mit Verve, mit einer Dringlichkeit, ja, einem Duktus und einer Wortwahl, wo der Rezensent ins Schwimmen kommt, an sonst nichts-sagende Superlative denkt, an diese hohl klingenden Formulierungen von Wortgewalt und geschliffener Sprache. Nur: Genau das ist es. Auf den Büchern von Anna Katharina Hahn müsste stehen, was wir aus der Gillette-PR kennen: Edelstahl, gehärtet und auf beiden Seiten dreifach geschliffen. Als Freigabe dazu ein Gel: Sie wurde
zum Wettlesen in Klagenfurt eingeladen. Arschkarte, sie musste als erste lesen. Also fing sie an: »Und dann konnte ich es ganz deutlich hören, rein, raus, rein, raus, du verstehst schon, dieses … Stöhnen, ohne jede Hemmung, und dann sie, als zweite Stimme, nahezu musikalisch, Mezzosopran würde ich sagen, immer im Wechsel, über zwanzig Minuten, nicht zum Aushalten!« Die Juroren waren nicht begeistert. Einer bekundete, die Autorin habe sich im Ton vergriffen. Dazu kann oder darf oder muss man sagen: Treffer, voll ins Schwarze. Der Ton ist nicht der ältlicher Juroren. »Ich habe viel Bukowski und andere dreckige alte
Männer gelesen«, einer der Kommentare Hahns dazu. Es geht – das nur knapp und nebenbei – um mehr als Sex, um viel mehr,
also zuforderst um Phantasien, die eben auch um Sex kreisen, aber auch um andere Wünsche (z.B. dass sich die Freundin tätowieren lässt, versemmelte Magisterarbeiten usw.). Mittlerweile hat sie sogar ein paar Preise und Stipendien gewonnen, doch in die gängigen Vermarktungsmechanismen des Literaturbetriebs passt sie immer noch so wenig wie eine geballte Faust in einen Samthandschuh. Das Porträt auf dem dritten Buch von Anna Katharina Hahn ist wieder wie von jemand ganz anders, diesmal mit einer Jacke, die auch eine Jeansjacke sein könnte, eben ein Stück, bei dem es keine Katastrophe ist, wenn Kleinkinder
daraufsabbern, statt Kontaktlinsen eine Brille, die wohl ihrer Unverwüstlichkeit wegen ausgesucht worden ist. »Kürzere Tage« ist ihr erster Roman. Und schon im ersten Kapitel, Nahaufnahme auf eine der Hauptpersonen, sind sie, diese apodiktischen Details: »schlafwarme« Hände, »das beleidigt verschlossene Maul ihres Notebooks«, später die »Querschüsse aus der Hirnrinde«. Alles spielt innerhalb von zwölf Stunden in Stuttgart. Etagenwohnungen, die besser Verdienenden und Ulis Waldorfkindergarten am einen Ende der Straße, weiter unten ein türkischer Gemüsehändler mit Franzosen-Käppi, vorher noch, »zum übrigen Bild der Straße passend wie ein toter Zahn im gesunden Gebiß« ein Zweckbau der Fünfziger, und etwas weiter ein Sozialbau. Deutschland vor oder nach der jüngsten oder nächsten Krise. Die Heldin, mit der wir einsteigen, lebt eine gesicherte Existenz, doch kaum ist Papa mit dem Kind zur Tür raus, zieht sie sich die erste Zigarette rein. Roth-Händle. So wie während der Schwangerschaft, als sie schaurig spürte, wie das Embryo zusammenzuckte. Zu den Schatten der Vergangenheit gehört die tägliche Dosis Psychopharmaka. Zwar lebt sie mit ihrem Haus-Klaus, zwar trinkt sie statt Kaffee nun Früchtetee, aber das wahre Leben … ja, was wäre das? Leiden wie unter Sylvia Plaths Glasglocke, Tavor sei Dank? »Die meisten der akademisch gebildeten Vollzeitmütter wirken zufrieden in ihrer Rolle als unbezahlte Putzfrau, Köchin und Chauffeuse«. Im Haus
gegenüber sieht sie, was ihr wie eine heilige Familie vorkommt. Schnitt, neue Nahaufnahme: Die berufstätige Mutter von gegenüber hat sich einen Mann geangelt, hart und emsig schaffend, aber auch primitiv wie Freitag in »Robinson Crusoe«. Rotes Haar, Kostüm, Stiefel mit Absätzen, doch sie fühlt sich »nicht so locker, wie sie tut«. Ihre Lieblingssongs laufen inzwischen bei Sendern, die sie eigentlich für Spießerfunk hält… »Viele fürchten sich davor, die Gegenwart anzusteuern«, weiß Anna Katharina Hahn. »Wenn, dann machen sie das am ehesten in kleinen privaten Reden, die über den eigenen Zehnagel nicht hinausblicken. Mich wundert auch, dass sich viele in ihrem Schreiben auf die Vergangenheit beziehen, so als hätte das Zeitlose mehr Bestand, als gäbe es da eine gewichtige Tradition, auf die man sich beziehen könnte – dabei gab es im 19. Jahrhundert sehr viele Autoren – auch Fontane! –, die sich mit ihrer Gegenwart auseinandergesetzt haben, mit aktueller Politik und Geschichte. Blick auch nach vorne, darum geht es doch in der Literatur. Alles andere ist, wenn man sich heute, egal wie literarisch und ordentlich, nur mit der Vergangenheit beschäftigt, dann ist das doch der pure Eskapismus.« Doch die Gegenwart ist viel zu aufregend, um aus der Literatur verbannt zu werden, und darum schreibt Anna Katharina Hahn. Weil es sein muss. Man kann ihr nur dankbar sein.

| »Sommerloch«. Erzählungen (2000: Achilla Presse, Hamburg)
| »Kavaliersdelikt«. Erzählungen (2004: Suhrkamp, Frankfurt/M.)
:: »Kürzere Tage«. Roman (2009: Suhrkamp, Frankfurt/M.)
:: Anna Katharina Hahn liest aus ihrem neuen Roman am 15.07, 20 Uhr, in Stuttgart, Buchhandlung Buch im Süden



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