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You gotta go there to come back

Über Gerrit Wustmanns zweiten Gedichtband »Morgenende«

Text: Julian Brimmers

Kluge Männer sagen kluge Sprüche: »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne« ist so ein Poesiealbum-Klassiker. Und wenn Hermann Hesse sich nicht irrt – und warum sollte er - dann durchlebt Gerrit Wustmann gerade spannende Zeiten. Mit seinem zweiten Lyrikband »Morgenende« liefert der Kerpener das tief beeindruckende Bild eines jungen Mannes, der sich offensichtlich entschieden hat, sich seiner Zukunft mit offenen Armen zu stellen.
Das selbst auferlegte Arbeitspensum, mit dem Gerrit Wustmann sich alltäglich herumplagt, würde bei anderen Bewohnern des Medienberuf-Jammertals wohl mehr als bloß einen anständigen Burn-out rechtfertigen. Journalistischer Broterwerb, politisches Engagement, Werbetexte, Übersetzungen und Wahnsinnigkeiten wie die Realisierung eines abendfüllenden Spielfilmprojekts, buhlen zumeist gleichzeitig um die rar gesäte Zeit des Kerpeners. Um die Gedanken einigermaßen beieinander zu halten und ein Gegengewicht zu all den Auftragsarbeiten zu schaffen, widmet Wustmann sich in etwas stilleren Momenten seiner Lyrik – und erreicht nach Meinung Vieler gerade da seine absolute Bestform.

Nach »Erinnerung & Morgenröte« nun also »Morgenende«. In Zusammenarbeit mit Lektor und Freund Axel Kutsch entstand eine Selektion Wustmanns jüngerer Werke (Entstehungszeitraum zwischen Sommer 2006 und Januar 2008), denen vor allem die Erinnerung als zentrales Motiv gemein ist. Aller retrospektiven Haltung zum Trotz, laufen die Gedichte in »Morgenende« jedoch zu keiner Zeit Gefahr, Überkommenes zu glorifizieren, im Gegenteil: Geschichte und Referenzpunkte (persönliche, historische, politische) fungieren hier als Bindemittel zwischen den Versen – als Vehikel zur Selbstverordnung des Menschen hinter der Autorenpersönlichkeit. Müßig zu erwähnen, dass der Schreibvorgang somit auch zum qualvollen Prozess werden kann. »Lyrik braucht Zeit - Ruhe - Innerlichkeit; und so ist die Lyrik für mich immer wieder auch eine Art Ausstieg, Parallelwelt, Gedankenpalast, Ort der Reflexion. Befreiend ist das Dichten aber längst nicht immer. Viele Gedichte sind eine schwere Geburt - befreiend wirkt es erst, wenn sie geschrieben sind.«

Besagte Stille und Ungestörtheit, die die lyrische Arbeit von seinem Verfasser einfordert, kann in Wustmanns Fall jedoch genauso kreischend-laute Johnny-Cash-Alben bedeuten. Die Unruhe, das Getriebene, das manche seiner besten Texte trägt, führt diesen Zwiespalt exemplarisch vor. Wie schon bei seinem Erstling »Erinnerung & Morgenröte«, transportiert der junge Autor seine Gefühlswelt besonders eindrucksvoll, wenn er, versteckt und offen, auf die (literarischen) Größen der Vergangenheit verweist: Da werden Goethe und Hafez miteinander auf den Spaziergang geschickt, den amerikanischen Beats neben ihren deutschen Pendants Fauser und Brinkmann gehuldigt und der notorische Kafka zum in die Trauer gesperrten Gefangenen stilisiert. Die Grenze zum Pathos wird hierbei selbstverständlich gekratzt, jedoch nie unkontrolliert, oder unbewusst. Große Gefühle muss man eben tragen können.
Selbst wenn die letzten Prognosen recht haben sollten und Poesie in Deutschland mittlerweile nicht mehr als eine dreistellige feste Leserschaft generiert, bleiben junge Autoren wie Gerrit Wustmann angenehm unangestrengte Hoffnungsträger einer Disziplin, die sich oftmals zwischen all dem substanzlosem Befindlichkeitsgewäsch und albernem Geslamme zu verlieren scheint. In einer besseren Welt könnte man von dem Status leben.

| Gerrit Wustmann: Morgenende. Gedichte, Silver Horse Edition, Marklkofen, 44 Seiten, 6,80 Euro, nummeriert und signiert
| Gerrit Wustmann - Homepage



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