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Eine Art Woody Allen-Film
Wem’s gefällt: Tova Reichs »Mein Holocaust«
Text: Thomas Koch Foto: Claire Sibonney
Unweigerlich und sofort fühlt man sich bei der Lektüre dieses Buches an die Finkelstein-Debatte erinnert, die Anfang des Jahrtausends durch die Feuilletons geisterte und in deren Verlauf mehr oder weniger unsachlich die Frage von Entschädigungszahlungen und deren Ausbeutung durch eine ›Holocaust-Industrie‹ speziell und nach der Singularität der Shoah gleich noch mit verhandelt wurde.
Im Mittelpunkt der Handlung von Tova Reichs Satire steht Maurice Messer, der den Holocaust versteckt im Wald überlebte, sich jedoch als Partisan vermarktet, mit seinem Sohn Norman ein Business mit dem Namen Holocaust Connections, Inc. betreibt und später den leitenden Posten des Holocaust State Memorial Museums in Washington besetzt. Für Geld ist vieles möglich und so findet die Spendenakquise schon mal in der Gaskammer von Auschwitz statt, mit anschließendem Shopping im ›Auschwitz Gift Shop‹ und ›Babi-Jar-Überlebenden-Dinner‹ für 5000 Dollar. Das liest sich anfangs ganz flott, bei all den kleinen eingestreuten Bösartigkeiten bleibt genug Raum für Gedanken zu Generationenkonflikten und Gedenkkultur, zumal eine Vielzahl von Figuren eingeführt wird, die mit Auschwitz ganz anders umgehen. Wenn hier überlegt wird, ob auf dem KZ-Gelände geraucht werden darf, es rollstuhlgerecht sein soll und ob die Haarbüschel so grau und schmutzig sein müssen, fühlt man sich auch gleich an Gerhard Schröder erinnert, der sich ja bekanntlich ein Mahnmal wünschte, »zu dem man gerne hingeht«. Zudem betreibt Tova Reich fröhliches Eso-Bashing, wenn sie eine Gruppe immer wieder auftauchender durchgeknallter Hippies Sachen sagen lässt wie: »Wir suchen Bewusstheit, indem wir unsere Chakrenzentren auf den Atem konzentrieren, der dem Körper beim Buchstaben H entströmt, wie in den Mantras Horror, Heilung, Hiroshima – Holocaust! Wie bei Hahaha – beim Lachen…«, und die auf dem zur Rampe von Auschwitz führenden Gleis meditierend die Geister der Toten beschwört. Bis zu einem gewissen Punkt kann man sich das auch noch als Woody Allen-Film vorstellen. Irgendwann in diesem Buch verliert die Handlung jedoch an Drive. Über das Auftauchen weiterer missratener Gören wie des Sohnes eines palästinensischen Dschihad-Ministers, der nicht wie geplant Märtyrer wurde, sondern jüdischer Rettungssanitäter, muss man zwar schmunzeln, das rettet den immer überdrehter werdenden Plot aber nicht und überrascht nach 200 Seiten auch nicht mehr. Alles kulminiert im und vor dem von Postengeschacher und Vetternwirtschaft schwer gebeutelten Holocaust Memorial Museum, an dem sich der Großteil der Protagonisten des Buches einfindet und um Partizipation aller möglichen und unmöglichen Personengruppen am Holocaust streitet – von Tibet bis zum Legehuhn. Das ist eigentlich nur noch hässlich, und für eine Satire nur langweilig. Woher kommt all die Gehässigkeit? Laut New York Times war Tova Reichs Ehemann Direktor des Holocaust Museums in Washington. Dem Rezensenten der Jungen Freiheit hat das Buch gefallen.
:: »Mein Holocaust« von Tova Reich, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008, 332 S., € 21,95
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