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Happy Birthday, du Nazi!?
Knut Hamsun wird 150 und sollte dringend gefeiert werden, irgendwie
Text: Konrad Roenne
Da hätte er was zum Lachen gehabt: Im ehemaligen Gerichtsgebäude der Stadt Grimstad, in dem 1947 Hamsun der Prozess wegen Landesverrats gemacht wurde, soll ein Museum zu Ehren des Dichters eingerichtet, der Platz vor dem Haus nach ihm benannt werden. Das Stadtparlament stimmte dem Vorhaben mit einer Stimme Mehrheit zu. – Knapp.
Hamsun ist derjenige, der seine Landsleuten nach dem deutschen Überfall 1940 empfiehlt: »Werft das Gewehr weg und geht nach Hause! Die Deutschen kämpfen für uns alle!« Er ist der bekannteste Kollaborateur Norwegens, den man nach dem Krieg in eine Psychiatrie verfrachtet, zu einer Zahlung von 325 000 Kronen verurteilt, dem nur fünf Menschen das letzte Geleit geben, als er 1952 erblindet, fast taub und in Lumpen gekleidet stirbt, eine Art Problembär der Weltliteratur.
Er ist derjenige, der Joseph Goebbels als Dank für einen Empfang am 19. Mai 1941 in Berlin seine Nobelpreis-Plakette schickt: »Ich kann Ihnen nicht genügend danken. Nobel stiftete seinen Preis als Belohnung für die ‚idealistischste‘ Schrift des letzten Jahres. Ich kenne niemanden, Herr Minister, der sich auf so idealistische und unermüdliche Weise jahrein, jahraus schriftlich und mündlich für Europa und die Menschheit eingesetzt hat wie Sie. – Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen meine Medaille schicke. Sie ist ziemlich nutzlos für Sie, aber ich habe nichts anderes, das ich schicken könnte.«
Und er ist derjenige, der die norwegische Provinz, die kleinen Städte und die Dörfer an den Fjorden und Buchten dieses Landes, auf die Landkarte der Weltliteratur gehievt hat. Er, der aus einer armen Schneiderfamilie stammt, als viertes von sieben Kindern am 4. August 1859 geboren (als Knud Pedersen), der weitab, im Nordland, aufwächst, auf einem Hof, dem er seinen Namen entlehnt, der Hamsundhof, und auf dem sich die Familie verschuldet, sodass sie ihren Sohn zu einem Onkel als Pfand geben müssen. Er, der als Ladengehilfe arbeitet, Landstreicher ist, fahrender Händler, Gemeindeschreiber und Straßenbahnschaffner in San Francisco.
James Joyce lernt Norwegisch, um Hamsuns Bücher im Original lesen zu können. In Russland, im zaristischen wie im bolschewistischen, umgeht man die Lizenzen – es kursieren Raubdrucke seiner Bücher in hoher Auflage. Hemingway empfiehlt F. Scott Fitzgerald, »Segen der Erde« zu lesen. Henry Miller bezeichnet ihn als den »Dickens meiner Generation«, und dass er, Miller, immer versucht habe, so zu schreiben wie Hamsun, ja, versuchte habe, ihn zu kopieren – offensichtlich ohne Erfolg, wie er noch anmerkt. Und vor allem in Deutschland ist die Liste seiner prominenten Verehrer lang: Kafka, Hesse, Albert Einstein, Schönberg, Musil, Tucholsky, Stefan Zweig, Benn und Thomas Mann. Dieser schreibt in den Zwanzigerjahren: »Nie ist der Nobelpreis jemandem verliehen worden, der ihn mehr verdient hätte als er.« Nie! Man beachte.
Wenn wir an Hamsun, genauer an Hamsuns Bücher, denken, dann treten uns wohl am ehesten Andreas Tangen aus »Hunger« (1890), Johan Nagel aus »Mysterien« (1892), Leutnant Glan aus »Pan« (1894), Johannes aus »Victoria« (1898) entgegen. Es sind dies die Bücher, die seinen Ruhm begründen, ihn zum writer’s writer machen und die Isaac Bashevis Singer zu dem Satz verleiten: »Die ganze moderne Erzählweise geht auf Hamsun zurück.« Hier ist der Bewusstseinsstroms, stream of consciousness, zu finden; hier ist sein Bild von der Seele der Menschen, seine Psychologie, ausgestattet mit einer Genauigkeit, wie sie vor ihm in der Literatur wohl nur bei Dostojewski und in lichten Momenten bei Nietzsche anzutreffen war; hier sind die Menschen peinlich, ohne Ausnahme; hier ist die Liebe hart. Diese erwähnten Bücher sind es, die uns der Buchhandel in Deutschland weiterhin vorrätig und lieferbar hält, zusammen mit »Segen der Erde« (1917), der Roman, für den er 1920 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekommt – die Geschichte des Bauern Isak, ein Mann ohne Geschichte, der ein Stück Land urbar macht, eine Familie gründet und seinen bescheidenen Wohlstand mehrt. Es ist ein Buch der Krise des abendländischen Menschen, ein Buch, in dem es ein richtiges Leben im falschen zu geben scheint. Der Gott ist hier nicht zornig, die Natur nicht brutal.
Hass auf alles und jeden
»Segen der Erde« gehört bereits zu den Büchern, die in einem anderen Stil als die früheren verfasst sind. Orte dieser Romane sind die erwähnten, mit den dazugehörigen Menschen, Texte aus der und über die Provinz. Wie ja auch der Mensch ein durch und durch provinzielles Wesen bleibt, trotz, oder gerade: wegen des – angesichts ewiger anthropologischer Konstanten – lächerlich wirkenden Fortschritts, der uns weder von unserer Dummheit noch von unserem Erbgut emanzipieren kann. All die Schwächen, Verfehlungen, Mies- und Schönheiten schildert Hamsun wie ein anarchischer, leicht belustigter und mitleidiger Gott. Keine Ich-Erzähler mehr. Der Stil mag konventioneller wirken als der seiner frühen Werke, aber er möchte ja viel Geld verdienen und wird zum Bestseller-Autor, mit den Segelfoß-Büchern – »Kinder ihrer Zeit« (1913) und »Die Stadt Segelfoß« (1915) – und der August-Triologie – »Landstreicher« (1927), »August Weltumsegler« (1930) und »Nach Jahr und Tag« (1933) –, die durchaus den Höhepunkt seines Schaffens darstellen und die leider derzeit auf Deutsch nur antiquarisch erhältlich sind. »Diese späteren Werke sind nach keiner echten Fabel aufgebaut. Wie erfolgreiche Fernsehserien rollen sie von Begebenheit zu Begebenheit mit einer mühelosen Natürlichkeit […], unendlich einfallsreich, selten langweilig, oftmals lustig und erfüllt von jener geheimnisvollen Mischung scharfer menschlicher Intelligenz, sinnlicher Anmut und ungezwungener Naivität, die das Kennzeichen für Hamsuns literarische Individualität ist.« Zu diesem Urteil kommt Robert Ferguson, Autor einer sehr schönen und sehr umfassenden Biographie. Ferguson lernt wegen Hamsuns Büchern Norwegisch und geht später nach Oslo. Er kommt aus England, das Land, das Hamsun unter allen Ländern der Erde am meisten hasste, neben den USA.
Hamsun hasst also nicht nur England. Er hasst den Fortschritt. Er kann alles und jeden hassen, seine Kinder ausgenommen. Er ist ein Mensch, scheinbar seinen Büchern entsprungen, voll von Ressentiments, reaktionär, negativ und bisweilen ungerecht. Doch wird das Ressentiment bei ihm nie zur Quelle seiner Kunst, wie Nietzsche dies in der »Genealogie der Moral« für den kreativen Menschen der Neuzeit behauptete. Hamsuns Ressentiment bahnt sich andere Wege. – Er möchte die Stimme und das Gewissen Norwegens sein. In frühen Jahren unternimmt er Vortragsreisen durchs ganze Land, später meldet er sich in den Tageszeitungen zu aktuellen Themen zu Wort. Er ist ein engagierter Schriftsteller.
Auf die Frage, warum so einer, der ein großer Antiautoritärer war, sich denn nun unbedingt den Nazis andienen musste, wurden lange verschiedene Antworten gesucht: seine angebliche geistige Umnachtung, seine zweite Frau, Marie, die früh zur überzeugten Nationalsozialistin wurde. Fairerweise muss man ihm unterstellen, dass er wirklich an eine Alternative glaubte – auch wenn heute wohl kaum noch jemand gewillt ist, das zu verstehen –, so wie andere Intellektuelle und Künstler sich im 20. Jahrhundert dem Kommunismus zuwandten: Überall gibt es komplexe Fragen und keine einfachen Antworten, überall grinst uns fies die Ironie entgegen, wo wir klare Fronten erwarten.
Doch vergessen wir hier einmal die finsteren ideologischen Mühlsteine des 20. Jahrhunderts und denken an die Welt von Hamsuns Büchern – eine Welt, die trägt: an Sirilund und Sellanraa, an den Lofot-Fischfang und die Heringstrockenplätze, an Leuchturmwärtergattinnen und die Ladengehilfen mit glänzenden Uhrenketten ohne Uhr, an Postschiff-Anlegestellen und Tanzvergnügen, an Ingar mit der Hasenscharte und Willatz Holmsen, an letzte Sätze wie diesen: »Kleines und Großes geschieht, ein Zahn fällt aus einem Munde, ein Mann aus den Reihen heraus, ein Sperling auf die Erde herunter.«
:: »Knut Hamsun. Leben gegen den Strom« von Robert Ferguson, München: Paul List Verlag 1990, 639 S., 29,00 €.
:: Eine Auswahl an Romanen Hamsuns gibt als Hardcover beim Paul List Verlag und als Paperback bei dtv. Eine deutsche Gesamtausgabe seiner Romane und Erzählungen liegt derzeit nicht vor, sie erschien zuletzt 1970 und ist antiquarisch erhältlich
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