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Gegebenenfalls eine echte Schuldfrage
Jega kehrt nach einer halben Ewigkeit aus den Tiefen der Elektronik zurück
Text: Jens Pacholsky
Ganze neun Jahre hat uns Dylan Nathan warten lassen. Der junge Produzent aus Manchester, der nach kurzem Intermezzo in Brooklyn mittlerweile in Los Angeles wohnt und für große Filmfirmen 3-D-Animationen schneidert, war am 31. März 1997 das Wunder einer Nacht in der Berliner Volksbühne. Damals spielte er vor The Bionaut und Autechre (die in dem mit Alu-Folie ausgekleideten Theater ihr Album »Chiastic Slide« vorstellten) und zerlegte mit genialem Drum & Bass die Bühne. Bis dato gab es nur eine längst vergriffene EP auf Skam Records namens »Ska006« (auch als »Phlax« bekannt). Als ich im Sommer desselben Jahres in Londons Plattenladen Ambient Soho nach Jega fragte, überreichte mir der Verkäufer die gerade pressfrische EP »Ska009« (landläufig auch »Card Hore«) mit dem Hinweis, sie sei nicht verkäuflich, da es seine eigene, gerade aus Manchester eingetroffene Kopie war. Am Ende trat er sie mir doch noch mit der Bedingung ab, V/VM Records Compilation »Priviledged Frames For Reference« dazu zu kaufen. Das war ok. Dort war nämlich auch ein Titel von Jega (mit Datathief) drauf. 1998 erschien endlich das kongeniale Album »Spectrum« mit der Single »Type Xero« auf dem gerade neu gegründeten Label Planet µ. Mike Paradinas versichert noch heute, dass er eigentlich wegen Jega das Label aufgebaut hat. Auf »Spectrum« war der Titel Programm, eine wilde Fahrt durch Drum & Bass, Oldschool, Breakbeats, IDM und metallischem Schimmern breitete sich da aus. Um so erstaunlicher, dass nach dem 2000er Album »Geometry«, das weitaus düsterer und zerbrochener ausfiel, plötzlich Funkstille herrschte, die bis zum 20. Juli dieses Jahres anhalten sollte.
Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde
Das ist vor allem verwunderlich, weil Planet µ seit etwa 2003 mantrahaft verkünden, ein neues Jega-Album sei unterwegs. Das war all die sechs Jahre auch gar nicht so weit hergeholt. Eigentlich sollte 2003 Jegas Album »Variance« erscheinen. Liebenswürdige Freunde schickten das Material aber bereits vor der Veröffentlichung durch das internationale Netzwerk der Tauschbörsen. Jega zog darauf die Veröffentlichung zurück. Hoffentlich hat er ihnen auch die Freundschaft gekündigt.
Und damit standen und stehen wir vor zwei Problemen: Wir mussten neun Jahre auf ein Zeichen vom einstigen Wunderkind warten. Und die Verzögerung der Veröffentlichung um sechs Jahre hat das Album mit Altlast beladen. Jega kann immer noch flächendeckend und Raum füllend programmieren. Es ist nach wie vor selten in der elektronischen Musik, wirklich gute und komplexe Melodiestränge zu hören. Kettel ist da ein wenig Ziehkind von Jega, der auch auf »Variance« dieses Können voll ausspielt. Die Klangdichte bei Jega ist ähnlich »Geometry« vom Ausmaß eines schwarzen Lochs. Daran hat sich nichts geändert. Laut Jega soll sich mittlerweile auch die neue Version von »Variance« gänzlich von der 2003 öffentlich gewordenen Variante emanzipiert haben.

Dennoch bleiben die zeitlichen Wurzeln des Werks und die verstrichenen Jahre offensichtlich. »Variance« erscheint als Two-Volume-Werk, das eine hell, das andere dunkel. Der erste Teil spielt dabei mit vielen lichten Melodien und eher leichten Breakbeats und Electro-Rhythmen aus der »Spectrum«-Zeit. Dennoch wirken die Strukturen weniger fokussiert und die Melodien lassen immer wieder das Bild von Boards of Canada in den Vordergrund rücken. »Variance Vol. 2« dagegen basiert mehr auf »Geometry« und den Sci-Fi-Momenten von »Intron IX«, einem komplexen, an die Chaostheorie in der Architektur erinnerndem Spinnennetz aus Klangbeschuss. Ein wenig klingt das nach übermäßigem PlugIn-Einsatz. Kein Wunder eigentlich, wurde das Album doch in den legendären Westlake Studios in Hollywood, der Heimat von Michael Jacksons »Thriller«, abgemischt. So muss es sich wohl im Atomreaktor anfühlen. Es scheint zumindest, als hätte Jega seine Kenntnisse in 3-D-Animationen auf der musikalischen Ebene umgesetzt.
Mit dem Konzeptalbum »Variance« schafft Jega im ersten Moment nicht den großen Wurf, den man sich nach neun Jahren erhofft hatte. Nach all dem Warten und Hinhalten kann er da eigentlich nur verlieren. Auch weil das Konzept von IDM mittlerweile etwas antiquiert wirkt. »Variance« bleibt eben doch ein 2003er Album, aber noch immer eins von höchster Ästhetik und Programmierkunst.
:: »Variance« von Jega erscheint bei Planet µ/NTT
:: Jega Space
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