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Artikel

Der Mensch und seine Todesengel
David Brin erzählt in »The Life Eaters« eine dystopische Alternativgeschichte des Dritten Reichs
Text: Jens Pacholsky
Von allen dunklen Visionen über alternative Geschichtsschreibung ist David Brins wohl die dunkelste. Selbst Philip K. Dicks »Man In The High Castle«, das eine schier ausweglose Parallelwelt des 20. Jahrhunderts zeichnete, kommt Brins Albtraum nicht nahe. Brin hat aber natürlich auch die Götter auf seiner Seite, wo Dick sich auf die Abgründe der normalen Menschen beruft.
Reale Einfältigkeit ist grausamer
1962 stehen die Nazis vor der amerikanischen Küste. England ist längst gefallen, im wahrsten Sinne: verflucht und ausgelöscht. Bis 1944 lief alles auf den Sieg der Alliierten hinaus. Doch plötzlich tauchten Odin und sein elender Familienclan auf. Die nordischen Götter schlugen sich auf die Seite ihrer Verehrer und wendeten das Blatt.
Was auf den ersten Blick wie ein schlechter Witz angesichts der reellen Grausamkeit des Dritten Reichs klingt, wird im Lauf von Brins Geschichte zu einer erschreckenden Theorie, der er zusammen mit dem Zeichner Scott Hampton untotes Leben einflößt. Der amerikanische Science-Fiction-Autor (u.a. »The Postman«) und Physiker fragte sich schlicht, weshalb die Nazis ihren Genozid so derart industrialisiert und aufwendig betrieben haben. Wozu abertausende Kilometer Millionen von Menschen deportieren, um sie zu töten? Brins Antwort lautet Nekromantie. Das Ergebnis dieser schwarzen Magie ist im wahrsten Sinne die Apokalypse. Nur dass nicht der christliche Gott vor den Massenmördern steht, sondern die lebenshungrigen nordischen Gottheiten, die den Menschen als Lebenssubstanz benötigen und verachten. Dass Brin seine Antwort viel einfacher in »Mein Kampf« gefunden hätte, in dem Hitler ganz unreligiös und unmagisch aus einem absurd-paranoiden Kleinbürgerdenken heraus seinen Antisemitismus erläutert, tut dem Horror keinen Abbruch. Auch wenn Brins grausame Fiktion Hitlers fanatischer Einfältigkeit bei eindeutig nachsteht.

Fiktive Einfältigkeit auch
Was in unserer heute wieder pseudoreligiös aufgeladenen Welt an »The Life Eaters« viel ernsthafter fragwürdig erscheint, ist Brins Vorschlag der Weltenrettung. Über den amerikanischen Patriotismus (selbst wenn er Hand in Hand mit der UNO geht) schaut man da noch hinweg – die können eben einfach nicht anders. Die jüngeren Glaubensrichtungen – also alles ab dem Judentum bis heute – aber als den richtigen, weil lebensbejahenden Glauben an die Front zu schieben, bleibt kurz gegriffen. Wobei eingestanden werden muss, dass die Theologen ihm in dieser Theorie sogar zustimmen dürften. Nur ist Glauben und Religion schon immer eine Praxis der Massen und säkularen Machthaber. Und das sind zwei gänzlich verschiedene Paar Schuhe. Was die antiken Götter an Menschenblut gekostet haben, haben insbesondere das Christentum und der Islam in den letzten 2.000 Jahren bei weitem versoffen.

So einfach kommen wir nicht davon
Zum Glück schneidet Brin nur kurz das Schönreden an. In »The Life Eaters« bleiben sonst stets die Menschen die wahren Untiere, aber auch die wahren Helden des Geschehens. Seine Helden bleiben dabei immer einfache Leute – der klassische amerikanische Traum vom Antihelden, der trotz guter Technologie und starkem Willen verletzlich bleibt. Trotz seines teils übermenschlichen Aufbegehrens brechen ihre Knochen. Folgerichtig lässt Brin seinen ersten Helden (am Ende werden es drei sein), der von Scott Hampton reichlich zu einem Abklatsch von Charles Bronson gemacht wird, sterben. Freilich ist es genau jener Märtyrertod, der den zweiten Helden bedingt. Wie auch den Göttern geht es den Menschen immer um Geschichten und Beschwörungen. Und darum, dass das Erbe weiter getragen wird. Dass letzte Panel vom – mal episch mal äußerst grob arbeitenden – Zeichner Scott Hampton lässt den Helden somit auf lebensleerem Grund zurück. Der Kampf mit und gegen die Götter bleibt einer, der auf ewig mit der Menschheit verknüpft ist. Die Götter, die wir riefen, lassen sich nicht mit dem Buchdeckel erschlagen. Und aus diesem Blickwinkel kann und sollte man Brins Dystopie ganz unabhängig von seinem historischen Setting betrachten.
:: »The Life Eaters« von David Brin und Scott Hampton erscheint bei Crosscult, Ludwigsburg 2009, Album, 16×24, vierfarbig, 160 S., € 25,00
:: Leseprobe
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