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We Are Reasonable People
Genau genommen stehen Warp Records, das erfolgreichste Label in der elektronischen Musik, auch zum 20. Geburtstag noch am Anfang
Text: Jens Pacholsky
An Warp heran zu treten, ist keine einfache Sache. Einfach die Tür zu öffnen, rein zu stürmen und dabei sein zu wollen, ist nicht drin. An Warp heran zu treten, ist ein iterativer Prozess. Ein ständiges Anklopfen.
Im Dezember 1994 lief Aphex Twins »On« im TV. Die erste Reaktion war Unverständnis. Da brummte eine Basslinie wie furzende Sandwürmer und Pianos spielten Regen in der Wüste. Zu vertrackt zum Tanzen und zu rumpelnd zum Kiffen (selbst im Jahre 2008 kommt das obercoole Berghain-Publikum auf dem Beat nicht klar). Januar 1995 flackerte der Clip erneut über die Bildfläche: Diesmal wippte der Fuß. Beim dritten Versuch einen Monat später musste das erste Aphex Twin-Album gekauft werden, soviel stand fest.
Warp Records hat es sich Mitte der 1990er Jahre nicht gerade leicht gemacht mit einigen Entscheidungen. Sie forderten gnadenlos die Geduld der potentiellen Fans ein. Am Ende haben sie aber Recht behalten.
Anlauf und Stop!
1989 in dem Sheffielder Plattenladen und Studio FON geboren, waren die drei Gründer Steve Beckett, Rob Mitchell († 2001) und Rob Gordon (verließ Warp 1991) auf dem besten Weg, ein rentables Techno-Label zu werden. The Forgemasters’ »Track With No Name«, war eigentlich eine White-Label-Pressung, die im Club dermaßen einschlug, dass nur der Weg einer Labelgründung die Energie kanalisieren konnte. LFOs bass-berüchtigtes »LFO« kletterte 1990 auf Platz 12 der Britischen Charts. Alles sah nach einem durch Detroit Techno und Chicago House beeinflussten Weg aus. Die Zeichen standen auf Rave-Nächte, Warehouse-Partys und Ecstasy. Doch plötzlich sackte die Euphorie ab. »Rave und Breakbeat waren durch die britischen Clubs gerauscht und House hatte sich als Mainstream-Dance-Music verfangen«, beschreibt Rob Young in seiner Warp-Biographie »Labels Unlimited - Warp« (Blackdog) den Zeitenwechsel. Doch war genau dies der Moment, als Warp ein Gesicht bekam, das größer wurde als jedes der anderen – noch immer – unabhängigen Labels in der elektronischen Musik. Chris Coco, der mit seinem Ambient House damals selbst dem Wandel zum Opfer fiel, sah das ganz ökonomisch: »Als Label muss man einfach den Moment nutzen. Der schwierige Part ist, was danach kommt – zu überleben, bis der nächste Moment auftaucht.«

Steve Beckett, Gründer und Chef von Warp Records
Dazwischen
Bei Warp Records wurde diese Überlebensstrategie für die Zeiten dazwischen zum Moment selbst. Sie bewegten die elektronische Musik weg von der Tanzfläche und hinein ins Wohnzimmer. Die »Electronic Listening Music« war geboren, oder wie sie noch heute gerne zitiert wird: die »Intelligent Dance Music« (IDM), die nach einer Mail-List von Aphex Twin benannt wurde. Damit bewegten sich die Sheffielder weg vom Club und hinein in die privaten Netzwerke, die langsam auch im Internet florierten. Die 1994 veröffentlichte Compilation »Artificial Intelligence II« beinhaltete als Artwork Diskussionsbeiträge der IDM-Mail-List, und Warp war nicht ohne Grund eins der ersten Labels mit State-of-The-Art-Webpräsenz.
Mit dieser Konzeptionierung gelang es Warp Records einen Musikerstamm aufzubauen, der gewillt war, Musik zu schaffen, die in gewisser Weise einen Nachhaltigkeitsgedanken verfolgte. Sozusagen Langzeitinvestitionen, die der Käufer erst kritisch beäugt (manchmal auch für einige Zeit in den Schrank verbannte), um dann jahrelang darauf zu feiern. Mittlerweile sind die radikalen und immer fälschlicherweise als akademisch betrachteten Musikwelten von Autechre, Aphex Twin, Squarepusher und Co. die Erfolgsgaranten und das Rückgrat des Labels. Warp Records sind trotz der Abwendung vom Dancefloor-Fokus seit knapp 17 Jahren erfolgreich mit über 270 Singles und ca. 180 Alben im Geschäft. 1994 erschien mit »Motions« der erste Film bei Warp. Seit 2003 veröffentlicht der Ableger Warp Films eigenwillige britische Spielfilme. Mit Gift, Lex, Arcola und Nucleus gab und gibt es mehr oder weniger langlebige Sub-Labels, die verschiedenste Aspekte der Musik konzentrierter ausloten.

The Haunting
Ironischerweise wurde dieser Wille zum Wandel und zur Weiterentwicklung, der Warp überhaupt erst auf die Landkarte setzte, dem Label unlängst zum Geist, den sie riefen. Viele Fans des vorhergehenden Jahrzehnts werfen Warp Langeweile und Beliebigkeit vor. Am einen oder anderen Release lässt sich das auch nachvollziehen. Gerade das Signing der Indierocker Maximo Park wurde Warp zum (ungerechtfertigten) Ausverkaufvorwurf. Gitarrenmusik hätte auf Warp nichts zu suchen, hieß es in den Fanforen. Dabei förderten Beckett und Mitchell bereits 1990 auf ihrem kurzlebigen Ableger Gift die Britpopper par excellence, nämlich Pulp, bevor diese richtig groß wurden. 1994 kam die Ambient-Gitarren-Band Seefeel dazu, 1997 Broadcast. Vincent Gallo und Gravenhurst machen den Singer-/Songwriter. Und nebenher gibt es die anderen noch immer: Mira Calix nimmt schmelzenden Schnee auf. Flying Lotus lässt den HipHop-Beat ausrutschen. Boards of Canada spielen Hippie. Jamie Lidell macht Soul. Clark macht Dich meschugge. Und Aphex Twin macht, was er will. Von einer Veränderung der Warp-Vision ist eigentlich nichts zu merken. Veränderung ist ihr Kerngeschäft.
:: Warp Records
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