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Gar nicht so schlimm

Baccio Bandinelli wird von Nicole Hegener rehabilitiert

Text: Andreas Huth

»Fürchte nichts, feige Memme! du bist meiner Stiche nicht wert«, hätte er Bandinelli entgegengeschleudert, schreibt der Bildhauer Benvenuto Cellini in seiner Autobiographie über eine zufällige Begegnung mit dem verhassten Rivalen. Bei Cellinis wildem Temperament konnte sich der Florentiner Bildhauer Baccio Bandinelli tatsächlich glücklich schätzen, dass er dessen Dolch entging. Doch den zahllosen Schmähungen, die Cellini dem mehr als einmal als ›bestial Buàccio Bandinello‹ – entsetzliches Rindvieh – bezeichneten Kollegen in seiner Lebensbeschreibung hinterher schleuderte, konnte er nicht entrinnen. Allerdings war es nicht Cellini allein, der sich negativ über den Florentiner Hofkünstler äußerte: Seine tiefe Abneigung teilte er mit Giorgio Vasari, dessen Darstellung in den Künstlerviten von 1568 eigentlich für die bis heute nachwirkende Ablehnung der Person und des Werks Bandinellis verantwortlich zu machen ist. Hinzu kommt auch das immer wieder kolportierte Gerücht, Bandinelli hätte aus Neid den berühmten Karton Michelangelos mit einer Szene aus der Schlacht von Cascina zerstört. Bandinelli als hinterhältiger und unfähiger Möchtegern-Konkurrent Michelangelos und – im Bezug auf die dem David gegenüberstehende Hercules-Cacus-Gruppe – als grobschlächtiger, geistloser und noch dazu überheblicher Nachahmer von Michelangelos unerreichbarer Kunst, das ist das vernichtende Urteil, das bis ins 20. Jahrhundert den Blick auf Bandinelli prägte.
Der Berliner Kunsthistorikerin Nicole Hegener ist es nun gelungen, ein differenzierteres Bild zu zeichnen. Ihr umfassendes Werk, das es an Qualität und Ausführlichkeit (und fast auch Gewicht) unbedingt mit Frank Zöllners Riesenbüchern zu Michelangelo und Leonardo aufnehmen kann, hat im Kern Baccio Bandinellis Selbstdarstellung zum Thema. Denn Bandinelli war, selbst wenn man alle Übertreibungen seiner Feinde abrechnet, alles andere als ein bescheidener Mann, der vor allem für seine Kunst lebte. Im Gegenteil: Er war süchtig nach Ruhm, Geld und Bewunderung, war am Hofe Erzherzog Cosimos I. in Intrigen verstrickt, schuf sich selbst eine adelige Herkunft – und widmete einen ganzen Teil seines Œuvres der Darstellung der eigenen Person. Vor allem Bandinellis 1530 erfolgte Aufnahme in den elitären Orden der Santiago-Ritter, eine für einen Künstler der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert ungewöhnliche Ehrung, spielt bei der Selbstinszenierung als großer Künstler und bedeutender Hofmann eine wesentliche Rolle. Die Autorin zeichnet den Lebensweg und die künstlerische Entwicklung des begabten Zeichners und Bildhauers nach, untersucht seine Rolle am Medici-Hof in Florenz und sein enges Verhältnis zur spanischen Gattin Cosimos I. Eleonora von Toledo und führt zahlreiche Dokumente an, die die bisherige Bandinelli-Wahrnehmung zwar nicht unbedingt erschüttern, aber deutlich erweitern. Hierbei hilft nicht zuletzt auch die große Zahl der qualitätvollen Abbildungen von Skulpturen, Reliefs und Zeichnungen Bandinellis, die in dem Band versammelt sind. Hegeners Buch hat großen Anteil an der ›Wiederentdeckung‹ eines ungewöhnlichen Künstlers, der im letzten Jahr auch in zwei großen europäischen Museen Aufmerksamkeit erregte. Eine Ausstellung im Louvre präsentierte 2008 zahlreiche Zeichnungen, während es dem Berliner Bode-Museum sogar glückte, auf dem Kunstmarkt einen bislang unbekannten Jünglingskopf von der Hand des Künstlers zu erwerben. Allein wegen dessen künstlerischer und handwerklicher Qualität kann man alle Beschimpfungen des Rüpels Cellini vergessen.

:: »Divi Iacobi Eqves. Selbstdarstellung im Werk des Florentiner Bildhauers Baccio Bandinelli« von Nicole Hegener, Deutscher Kunstverlag Berlin, München 2008, 788 S., € 88



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