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Die Wahrscheinlichkeit, von einer Atombombe getroffen zu werden
Vom Neuanfang eines Endes: Doris Dörries Roman »Und was wird aus mir?«
Text: Ronald Klein
Das tragische Schicksal des italienischen Hofnarren Rigoletto brachte Giuseppe Verdi in der gleichnamigen Oper auf die Bühne: Um dem bösartigen Spaßmacher einen Denkzettel zu verpassen, beschließt der Hof, seine vermeintliche Geliebte Gilda zu entführen. In Wahrheit handelt es sich dabei um die Tochter des Narren, die vom Herzog von Mantua verführt wird. Um den Ehrverlust zu rächen, will der Narr seinen Dienstherren ermorden lassen. Jedoch ersticht der angeheuerte Killer unabsichtlich Gilda.
Jene Oper, die Johanna, einer Requisiteurin in Doris Dörries neuem Roman »Was wird aus mir?« so viel bedeutet, wird ihr zum beruflichen Verhängnis. Denn sie vergisst den blauen Müllsack zu bestücken. Das konservative Publikum, das darin Gilda erwartet, fühlt einen Affront des modernen Regie-Theaters, während der Regisseur die Maske des freundlichen Miteinanders fallen lässt und die knapp 50-jährige eiskalt vor die Tür setzt.
Das Ende eines geregelten Einkommens bedeute einen Neuanfang, versucht sich Johanna Mut zu machen und beschließt ihren Ex-Freund Rainer in Los Angeles zu besuchen. Während Johanna nach einem international erfolgreichen Film die Karriere vor der Kamera an den Nagel hing, fasste Rainer in der amerikanischen Filmmetropole Fuß und inszeniert seit über 25 Jahren äußert erfolgreich. Letzteres entnimmt Johanna der Homepage, denn der persönliche Kontakt ist seit längerer Zeit nicht nur spärlich, sondern auch oberflächlich geworden.
Während Johanna in Amerika landet, düst Rainer in einem goldenen Jaguar den Sunset Boulevard entlang. Auf dem Beifahrersitz lümmelt sich Allegra, seine 15-jährige Tochter, die die Sommerferien unter der Sonne Kalifornien verbringt. Sie besucht ihren Vater einmal jährlich und wundert sich über die immer größer werdenden Paläste, in denen Rainer residiert.
Auch Johanna staunt bei ihrer Ankunft über das aktuelle Heim am Pazifischen Ozean, das keinerlei Anzeichen von Menschen besitzt, die dort zu Hause sein könnten.
Die erste Begegnung Johannas mit Rainer nach all den Jahren besitzt nichts mehr von dem Zauber, der einst die beiden verband. Der erhoffte Trost, den sich Johanna erwünschte, bleibt aus. Rainer erscheint ihr fremd, und die Distanz vergrößert sich nach den ersten Streitigkeiten zwischen Johanna und Allegra. Unfähig von ihrem persönlichen Scheitern zu erzählen, versucht Johanna die Flucht anzutreten. Allein Rainers Volltrunkenheit nahe am Rande zur Alkoholvergiftung, lässt sie bleiben.
Im Laufe der Zeit kristallisiert sich heraus, dass niemand der drei tatsächlich das Leben führt, das er vorgibt. Kompliziert wird es, als Marko, ein erfolgreicher junger und unverschämt gutaussehender Filmproduzent, überraschend nach Los Angeles zurückkehrt und Rainer, der dessen Haus hütet, sein Versteckspiel auf die Spitze treiben muss.
Während anfangs das Episodenhafte etlicher Protagonisten ein interessantes Kaleidoskop des Zufalls offenbarte, laufen im zweiten Drittel alle Erzählstränge aufeinander zu. Aber an dem Punkt, an dem die Befürchtung ansteht, die Geschichte könnte lediglich ein Spiegelbild Rigolettos darstellen, beweist Doris Dörries dramaturgisches und erzählerisches Geschick und hält die Spannung und Dramatik bis zum Schluss. Die Katharsis hingegen bleibt aus. Die Figuren befinden sich ebenso auf der Suche nach Glück und Würde wie am Anfang des Romans. Aber sie sind sich ihrer Verletzlichkeit bewusst. Und in dem Wissen zu scheitern, mag eine latente Chance stecken. Marko, einst erfolgverwöhnt und permanent auf der Überholspur, verliert allmählich seine Panikattacken unter denen er ein Leben lang litt. Sein letzter Strohhalm, das Channeling mit einem Geist, das einst ein japanisches Schulmädchen war, führt ihn zu seiner großen Liebe. Doch deren letzter Gedanke klingt nach einer Phase des Anhimmelns, ernüchtert: »Er ist verrückt«.
Marko steht exemplarisch für alle Protagonisten, die ebenso entrückt wie verzweifelt erscheinen. Unfähig sich ihrer Umgebung mitzuteilen, permanent mit Maskeraden und Versteckspiel beschäftigt, avanciert das Leben der Protagonisten zur Oper, zur Farce. Viel zu tief in Depressionen und Einsamkeit versunken bleibt die Sehnsucht nach Liebe ein unerfüllbares Versprechen.
Das vermeintlich Tragische entspringt in dem fesselnden und bisweilen komisch erzählten Roman der Statik der einzelnen Figuren, die so festgefahren in ihren Denkmustern solange mit dem Kopf durch die Wand rennen, bis dieser sie blutig geschlagen zu Boden sinken lässt. Doris Dörrie vermag es, ihre Leser ins Buch zu ziehen. Doch nachdem der Buchdeckel ein letztes Mal zugeklappt wurde, bleiben keine Fragen mehr: Das Leben stellt eine verdeckte Bitterkeit dar, die um so offensichtlicher wird, je mehr die Jugend verblüht. Durch die verschiedenen Erzählebenen der Deutschen in Amerika, sowie des Settings in Japans macht Dörrie eine Art interkulturellen Universalismus auf, der umso stärker wirkt, da im Roman immer wieder Erinnerungen an die 1960er und 70er aufblitzen. Zwar ließ Dörries bereits 1994 in ihrem Film »Keiner liebt mich« Maria Schrader erkennen: »Für eine Frau über 29 ist es wahrscheinlicher von einer Atombombe getroffen zu werden als von einem neuen Mann«. Aber ob Fatalismus so bedingungslos seine Berechtigung hat, muss bezweifelt werden. Zum Glück.
::»Und was wird aus mir?« von Doris Dörrie, Diogenes Verlag, Zürich
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