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No Pussy Blues für alternde Sexsymbole
Nick Caves »Der Tod des Bunny Munro«
Text: Janine Andert
Zwanzig Jahre nach Nick Caves erstem Roman »Und die Eselin sah den Engel« steht nun sein zweiter, »Der Tod des Bunny Munro«, in den Buchläden. »The rain hammers down«, wieder einmal, und der Cave-Fan hört irgendwo im Hinterkopf die Worte »O God help Tupelo!«. Das apokalyptische Bild des düsteren, regenreichen Unwetters inklusive viel Blitz und Donner beim Endzeitszenario ist dann aber auch die einzige Parallele zu »Und die Eselin sah den Engel«. Und das im äußerst positiven Sinne. Cave wiederholt sich nicht, versucht nicht, seinen ersten Roman neu zu schreiben, sondern widmet sich etwas gänzlich neuem:
Bunny Munro, Verkäufer von Schönheitsprodukten an einsame Hausfrauen, entspricht jedem Klischee eines Handlungsreisenden. Er bietet nicht nur Ware feil, sondern vögelt auf seinen Geschäftsreisen alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Seine Route führt ihn dabei an der Südküste Englands entlang. Dieser Fleck Erde um Brighton herum, wo Cave mittlerweile selbst lebt, diente in Rosamunde-Pilcher-Romanen als Kulisse rosaroter Happy Ends. Bei Cave wird er zur Kulisse einer traurigen Vater-Sohn-Beziehung, die zugleich das Porträt eines sexsüchtigen Mittvierzigers ist, dessen Leben nach dem Suizid seiner Frau außer Kontrolle gerät. Humor beweist Cave, wenn er den Protagonisten in ein Gespräch über Oberlippenbärte und deren Wirkung auf Frauen verwickelt. Wohl ein Statement zu seinem eigenen Äußeren. Ein Musiker konstatiert, dass Oberlippenbärte von Männern als sexuell attraktiv und von Frauen eher abstoßend empfunden werden. Darum ist der Bart also wieder aus Caves Gesicht verschwunden. Letztere Bemerkung hat wenig mit der Qualität des Romans zu tun, zeugt jedoch davon, dass Nick Cave wohl sehr oft auf seinen Bart angesprochen wurde, zumindest oft genug, um dem Thema eine ganze Seite im Roman zu widmen. Darüber hinaus avanciert Kylie Minogues 2000er Hit »Spinning Arround« zur Ode an den Analsex und Avril Lavignes Vagina ist Gegenstand obszöner Männerfantasien. Cave entschuldigt sich in der Danksagung des Buches ausdrücklich bei beiden Sängerinnen. In Anbetracht des Geschriebenen das Wenigste, was er tun konnte. In einem Interview mit dem Rolling Stone äußert Cave, dass Männer sexuelle Fantasien über irreale Frauen wie Kylie und Avril haben, um sich erschreckendere Gedanken wie Liebe und Intimität vom Leibe zu halten. Kein sehr schönes Männerbild, was da entworfen wird. Kylies Hit hat sich dank der sehr knappen Hotpants im dazugehörigen Video den Platz im Roman ergattert. Warum Avril Lavigne Gegenstand ist, kann Cave selbst nicht genau benennen. Er mag sie, obwohl er sie persönlich nicht kennt. Etwas an ihrer Körperlichkeit (im Roman genau beschrieben!) schien ihm genau das Richtige für die Fantasien des Bunny Munros zu sein.
Nun gut, die Reaktionen der Pop-Sängerinnen muss Cave mit sich ausmachen. Dennoch sind diese Bezüge ein gefundenes Fressen für die Musikpresse und somit auch gute PR für das Buch. Irvine Welsh, Autor des Drogenexzesses »Trainspotting«, lobt das Buch als Mischung aus Cormac McCarthy (»No Country For Old Men«), Franz Kafka und Benny Hill (Komödiant). Parallelen zu Kafka sind wahrlich nicht zu entdecken, eher zu Bukowski. Allerdings ist es fraglich, ob die Welt noch mehr Texte über Elend und sexuelle Fantasien alternder Alkoholiker braucht. Im Nick-Cave-Universum trifft der »No Pussy Blues« vom 2006er Grinderman-Album »Den Tod des Bunny Munro« wohl auf den Punkt. Grinderman – Nick Caves neueste Band, die ganz sicher zum Bild alternder Sexsymbole steht. Vielleicht ist dieses Buch genau für solche geschrieben worden. Zur Versöhnung der alten Herren mit der (Frauen-)Welt stehen am Ende – hier schimmert Caves Religiosität durch – Beichte, Reue und Vergebung… und ein Kind, das sich fragt, was die Erwachsenen da eigentlich für einen Irrsinn veranstalten.
:: »Der Tod des Bunny Munro« von Nick Cave, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 320 S., € 19,95
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